Eine Schweizer High-Tech Manufaktur auf dem Weg zu Industrie 4.0 (Interview)

Das Bild zeigt Ernst Büsser (Büsser Formenbau AG)
Bildquelle: Büsser Formenbau AG

In dem Interview beleuchtet Ernst Büsser, Geschäftsführer Büsser Formenbau AG, die Herausforderungen im Schweizer Werkzeug- und Formenbau und den Wandel zur Industrie 4.0.

Die Aufwertung des Franken liegt nun einige Wochen hinter uns – welche Auswirkungen hat das auf Ihr aktuelles Geschäft?

Die Ankündigung und die damit verbundene Aufwertung des Franken hat unser gesamtes Land und viele Bereiche der Wirtschaft schockiert und macht uns weiterhin schwer zu schaffen. Wir erleben gerade, dass viele Unternehmen geplante Projekte zurückstellen und einfrieren. Viele Werkzeug- und Formenbauer spüren die Auswirkungen und machen sich, so wie auch unser Unternehmen, viele Gedanken um die Zukunft und die damit notwendige Neuausrichtung.

Wie beurteilen Sie die Zukunft des Standortes für Werkzeug- und Formenbauer in der Schweiz?

Der Werkzeug- und Formenbau hat nach wie vor seine Lebensberechtigung und wird weiterhin in der Schweiz bestehen. Aber es wird zu einem Umdenken kommen und Veränderungen zur Folge haben. Komplexe Werkzeuge erfordern nach wie vor ein hohes Maß an Wissen und Knowhow, wie man diese wirtschaftlich und mit höchster Qualität größtmöglich automatisiert produziert. Hier sind unsere Stärken und blicken grundsätzlich positiv in die Zukunft.

Thema Alleinstellungsmerkmal – was zeichnet Büsser Formenbau aus, was machen Sie anders als andere?

Über Qualität muss man nicht mehr sprechen. Ein hohes Maß an Swiss-Made-Qualität ist heute keine Wettbewerbsdifferenzierung mehr, es wird einfach vom Kunden vorausgesetzt. Der industrielle Werkzeugbau ist heute eine Mischung aus Manufaktur und Fabrik.

Für unsere „High-Tech Manufaktur“ haben wir vor einigen Jahren bereits den Grundstein in Richtung Industrie 4.0 gelegt und viel in die Automation und Prozessoptimierung investiert. Dabei haben wir CAD/CAM Arbeitsplätze mit der Fertigung nahtlos vernetzt und das Be- und Entladen von Werkzeugmaschinen automatisiert.

Des Weiteren haben wir den gesamten Produktentstehungsprozess optimiert. Das hat unsere Durchlaufzeiten sowie die Kosten nachhaltig reduziert. Ein optimierter, transparenter, dokumentierter, gelebter und ständig verbesserter Fertigungsprozess ist die Basis, um die hohe Präzision sicherzustellen, die unsere Formen auszeichnen und von unseren Kunden gefordert werden.

Die Art und Weise wie wir heute komplexe Formen hochgradig automatisiert herstellen, differenziert uns deutlich zum Wettbewerb. Darüber hinaus sind wir der festen Überzeugung, dass es mehr ist, was den Unterschied ausmacht – es ist der Mensch. Nur mit den richtigen Menschen und einer guten und gelebten Unternehmenskultur können wir die Erwartungen der Kunden erfüllen, uns vom Wettbewerb differenzieren und langfristig in der Welt von Industrie 4.0 erfolgreich sein.

Was zeichnet die Unternehmenskultur bei Büsser Formenbau aus?

Die Unternehmenskultur bei uns ist von einer wertschätzenden Atmosphäre geprägt. Unseren Mitarbeitern bieten wir einen Arbeitsplatz in dem sie sich voll einbringen können, weil sie gefordert wie auch gefördert werden und die Leistungen anerkannt werden. Routinetätigkeiten wollen wir durch eine hohe Automatisierung reduzieren und Freiräume schaffen, um die individuellen Stärken jedes einzelnen zu fördern.

Das gesamte, zielorientierte Handeln im Unternehmen ist auf den Kunden und seine Zufriedenheit ausgerichtet, in der sich jeder Mitarbeiter bestmöglich und eigenverantwortlich einbringt. Feedback dient in der internen und externen Kommunikation als wichtiges Instrument, uns kritisch mit möglichen Fehlern auseinanderzusetzen und daraus zu lernen.

Wie sehen Sie den globalen Markt der Werkzeug- und Formenbauer?

Der Markt ist permanent in Bewegung. Gerade der fernöstliche Wettbewerber China entwickelt sich rasant. Die Lohnkosten liegen bei einem Bruchteil der Kosten im deutschsprachigen Raum. Im Bereich Automatisierung holen die Chinesen mit großer Geschwindigkeit auf.

Wir beobachten das, erstarren aber nicht in Ehrfurcht. Wir konzentrieren uns auf unsere Stärken, entwickeln uns konsequent weiter und müssen uns in keiner Weise hinter anderen Marktbegleitern verstecken. Mit unserer Jahrzehnte langen Erfahrung, unserer Prozess- und Kundenorientierung, dem hohen Grad der Automation und nicht zuletzt unserem tollen Team blicken wir positiv in die Zukunft.

An welchen Stellen sehen Sie aktuell noch Verbesserungspotential?

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir unseren Kunden einen höheren Mehrwert liefern können. Ich denke hier beispielsweise daran, sich wesentlich enger mit dem Kunden zu vernetzten, um im Prozess der Produktentwicklung bereits eingebunden zu werden.

Ein Kunststoff gerechtes Design bei der Entwicklung neuer Produkte bedingt Unterstützung von Experten, denn wir kennen die Herausforderungen. Mit diesem Wissen können wir die Gestaltung des herzustellenden Produktes in einer sehr frühen Phase des Gesamtprozesses positiv beeinflussen. So können am meisten Kosten gespart werden, die Komplexität wird reduziert und die Durchlaufzeit verkürzt.

Industrie 4.0 und die Digitalisierung unserer Gesellschaft ist in aller Munde – wie sehen Sie dieses Thema?

Wir sehen das Thema sehr positiv und der Wandel ist nicht neu für uns. Bereits in den späten 1980er bzw. frühen 1990er Jahren gab es das Thema Computer Integrated Manufacturing (CIM). Das war für den konventionellen Werkzeugbauer eine erste große Veränderung.

Der Weg zum industriellen Werkzeugbau wurde geboren, CAD-, CAM- und ERP/PPS-Systeme wurden mit der Produktion verbunden. Die Prozesse schrittweise optimiert und mit Roboter automatisiert. Wir sind stolz darauf, dass wir mit unserer „High-Tech Manufaktur“ frühzeitig die Weichen für die Zukunft gestellt haben. Die Digitalisierung der Gesellschaft macht praktisch vor keiner Branche und keinem Unternehmen halt und die Auswirkungen für die Zukunft kann niemand genau vorhersehen.

Was unternehmen Sie in Richtung Industrie 4.0 konkret?

Wir tasten uns schrittweise an das Thema heran und beobachten alles sehr intensiv. Wir sprechen regelmäßig mit unseren Kunden, Partnern und Lieferanten sowie unseren Mitarbeitern darüber. Punktuell ziehen wir eine externe Beratung hinzu, um die möglichen Auswirkungen noch besser zu verstehen. Daher müssen wir uns sehr intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und die geeigneten Maßnahmen ergreifen. Wir werden jedenfalls nicht abwarten und sehen was passiert.

Welche Chancen sehen Sie in der fortschreitenden Digitalisierung?

Für uns stellt sich nicht die Frage, ob wir an der Digitalisierung teilnehmen oder nicht. Wir haben hier keine Alternative. Auch bei der Einführung der Dampfmaschine vor mehr als 200 Jahren gab es keine Alternative. Wir sehen dem technologischen Wandel positiv entgegen und nutzen die Chancen für unser Unternehmen, die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.

Wir sind der festen Überzeugung, dass die vielen anstehenden Technologien neue Geschäftsmodelle ermöglichen und wir uns neu auszurichten müssen. Durchgängige, dokumentierte, gelebte und ständig optimierte Prozesse sind eine wichtige Voraussetzung, den Sprung in das digitale Zeitalter zu ermöglichen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Automatisierung der Produktion.

Hier haben wir in den letzten Jahren sehr viel investiert. Unsere Automation ist Grundvoraussetzung, um flexibel auf Kundenanforderungen zu reagieren und Formen zu wettbewerbsfähigen Preisen herzustellen. Der Erfolg bestätigt unseren Mut zum Risiko und wir sind sehr stolz auf unsere „High-Tech Manufaktur“. Mit dieser positiven Grundhaltung gehen wir nun die digitale Revolution an.

Wo sehen Sie Büsser Formenbau 2020?

Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft und Industrie 4.0 stehen große Themen an, die angepackt und umgesetzt werden müssen. In Bezug auf die Digitalisierung bin ich gespannt, wohin die Reise gehen wird, aber selten standen mit M2M, BigData, 3D-Druck und Cloud so viele spannende Technologien zum Einsatz bereit.

Des Weiteren bereiten wir die Übergabe des Unternehmens an meinen Sohn Manuel vor. Er wird demnächst die Geschäftsführung übernehmen. Es macht täglich sehr viel Freude, zu sehen wie das Team zusammenarbeitet und wächst. Erfahrung und Generation Y arbeiten hier Hand-in-Hand in einem Power-Team zusammen. Wir versuchen nicht die Zukunft vorherzusagen, wir versuchen die Zukunft zu gestalten.

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Eine Schweizer High-Tech Manufaktur auf dem Weg zu Industrie 4.0 (Interview)
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In dem Interview beleuchtet Ernst Büsser (Büsser Formenbau AG) die Herausforderungen im Schweizer Werkzeug- und Formenbau und den Wandel zur Industrie 4.0.
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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

2 Kommentare

  1. Ja, in der Tat ist das ein sehr interessantes Interview gewesen. Die Denkweise habe ich so von einem KMU nicht erwartet. Man hat gespürt, das das nicht nur Worte sind sondern die Mannschaft ist ein Team. Die Unternehmenswerte und die Identität der Marke werden gelebt. Manches großes Unternehmen kann hier lernen, das war wirklich beeindruckend. Aber auch die gelebten Prozesse waren faszinierend. Eine Hohe Automation der Maschinen, dokumentierte und auditierte Prozesse, Checklisten, Ordnung und Sauberkeit – das war eine ganz besondere Erfahrung. Bei dem Unternehmen mache ich mir bei der Reise in die neue digitale Welt keine Sorgen.

  2. Interessantes Interview. Gerade diese Mischung aus Familienunternehmen und industrieller High-tech ist sehr spannend. Ich finde die humanzentrierte Motivation der i4.0 hier deutlich glaubhafter als bei anderen Unternehmen.

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