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Bildquelle: Anja Förster

Im nachfolgenden Interview wurde mit Anja Förster von Förster & Kreuz das Thema Veränderung in der Welt von Industrie 4.0 beleuchtet.

Industrie 4.0 wird die Arbeit und damit auch die Anforderungen an Fach- und Führungskräfte komplett verändern. Aufgaben werden künftig dezentral im Team der Produktion entschieden und nicht mehr wie bisher zentral über eine hierarchische Organisation. Sie treffen fortlaufend das Top-Management deutscher Unternehmen. Wie schätzen Sie die Bereitschaft und die Fähigkeit des Managements ein, diesen Wandel zu akzeptieren, ihn einzuleiten und aktiv zu leben und damit die heutige Komfortzone zu verlassen?

Ich sehe in meinen Begegnungen mit Führungskräften drei große Gruppen. Da sind zum einen diejenigen, die nur jammern. Über den Fachkräftemangel, über die desaströse Arbeitsmarktpolitik, über die praxisuntauglichen Hochschulabsolventen. Es gibt keinen Missstand, egal wie groß oder klein, über den sie nicht stundenlang lamentieren könnten. Dann gibt es noch die, die alles verdrängen, auch die Notwendigkeit, sich jetzt zu verändern und den Wind des Wandels zu nutzen. Und dann treffe ich noch auf eine dritte Gruppe von Führungskräften: Das sind Menschen, die mit Mut und frischem Denken soziale Laboratorien schaffen, in denen sie mit neuen Formen des Zusammenarbeitens experimentieren. Ihre Überzeugung ist, dass es jetzt erst richtig spannend wird.

 

Mit der zunehmenden Automatisierung durch Roboter und der weiteren Durchdringung von Software machen sich die Menschen Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Roboter erobern zunehmend die Fabrikhallen, intelligente Software-Algorithmen sorgen dafür, dass sich traditionelle Berufsbilder verändern oder schlichtweg ersetzt werden. Das autonome Autofahren wird die Branchen Transport-, Logistik und Automobil durcheinander bringen. Was raten Sie diesen Menschen, wie nehmen Sie ihnen diese Sorgen?

Die Automatisierung ist eine Entwicklung, die uns alle zwingt, den Wert unserer Arbeit kritisch zu hinterfragen. Wir alle sollten uns regelmäßig drei Fragen stellen: Erstens, kann jemand meine Arbeit billiger machen? Zweitens, kann ein Computer meine Arbeit schneller machen? Drittens, ist das, was ich anbiete, in einem Zeitalter des Überangebots wirklich gefragt? Das bedeutet in seiner Konsequenz, dass menschliche Arbeit immer dann nicht durch Roboter ersetzt werden kann, wenn sie ein Bedürfnis jenseits aller Funktionalität bedient. Mein Autorenkollege Dan Pink beschreibt das sehr treffend als ‚High-Concept’  plus ‚High-Touch’. High-Concept meint die Fähigkeit, Chancen zu erkennen, scheinbar unzusammenhängende Versatzstücke zu etwas Neuem zu kombinieren und ein Ergebnis zu schaffen, das sich vom üblichen Durchschnitt abhebt. High-Touch beschreibt die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, die Feinheiten menschlicher Interaktionen zu verstehen und Freude in sich selbst zu finden und in anderen zu wecken. Diese Fähigkeiten zu kultivieren und bei der Arbeit einzusetzen, macht den entscheidenden Unterschied. Das Gute daran ist, dass wir alle diese Fähigkeiten bereits in uns tragen. Wir müssen sie nur endlich zur Entfaltung bringen.

Viele Unternehmen wiegen sich aufgrund ihrer Größe oder Ihrer Marktposition in Sicherheit. Nokia ist ein hervorragendes Beispiel dafür, mit welcher Härte und Geschwindigkeit der ehemalige Marktführer das Spielfeld verlassen hat. Haben die deutschen Top-Manager das begriffen oder wiegen sich diese immer noch in Sicherheit der Erfolge in der Vergangenheit?

Die riesengroße Gefahr ist, dass bestehende Erfolgspfade zu achtspurigen Autobahnen zementiert werden, die immer nur eine Richtung kennen: Weiter so wie bisher. Fakt ist, dass es keine Sicherheit gibt, egal wie groß ein Unternehmen ist. Das hat sich definitiv in der deutschen Wirtschaft herumgesprochen. Die Frage ist nur, wie etabliert man den Willen zur schöpferischen Zerstörung als Normalzustand in einer Organisation? Viel zu häufig regt sich der Wille zur Veränderung erst dann, wenn man nahe am Abgrund steht und es um die Frage von Sein oder Nichtsein geht. Ein tolles Beispiel für einen solchen Mindset der proaktiven Veränderung ist der Stahlhändler Klöckner, ein Unternehmen mit langer Historie in einer extrem konservativen Branche. Dessen Chef Gisbert Rühl hat verstanden, dass sein Unternehmen entweder selbst zum Treiber der Veränderung werden muss oder aber rasend schnell auf dem Abstellgleis landen kann, denn die Digitalisierung des Stahlhandels ist eine reale Bedrohung mit der Kraft, das komplette Geschäftsmodell aus den Angeln zu heben. Aus diesem Grund hat man sich entschieden, zwei Start-Ups zu gründen mit der ausdrücklichen Zielsetzung, die Wertschöpfungskette von Klöckner anzugreifen. Man holt sich den „Feind“ ins eigene Unternehmen und gewinnt so an Veränderungsdynamik. Ein Vorgehen, das meines Erachtens sehr viel mehr Nachahmer in der deutschen Wirtschaft finden sollte.

Innovationen brauchen Mut, Ideen und Kapital. Man hat den Eindruck, dass junge Start-Ups in Deutschland den größeren Teil der Zeit mit der Bürokratie, der Firmengründung, dem Schreiben von Businessplänen und dem oft ernüchternden Versuch der Finanzierung beschäftigen, als sich mit Innovationen zu verbringen. Wie sehen Sie diese Situation auch mit Blick auf die Talentschmiede Silicon Valley, was wäre Ihre Empfehlung?

Ganz klar braucht es neben Mut, Ideen und Unternehmergeist auch Venture Capital, um ein junges Unternehmen groß zu machen. Und genau daran mangelt es in Deutschland in einer Weise, die mich wütend macht. Die deutsche Trägheit in Sachen Wagnisfinanzierung ist atemberaubend. In den vergangenen drei Jahren gab es knapp zwei Milliarden Euro deutsches Venture Capital, in den USA waren es 64 Milliarden. Ein Unternehmen wie Facebook hochzuziehen, wäre demzufolge hierzulande schlicht und ergreifend gescheitert. Zuckerberg war Student ohne Geld und selbst wenn er eine Bank gefunden hätte, die ihm einen Kredit gegeben hätte, was bezweifelt werden darf, hätte das nicht ausgereicht, um die jahrelange Dürrephasen mit Verlusten zu überstehen. Aber genau diese Dürreperiode war das Rezept, um Facebook groß zu machen und die internationale Expansion voranzutreiben. Es war also ein elementarer Bestandteil seines heutigen Erfolgs, jahrelang absichtlich Verluste zu schreiben und jeden Cent in das eigene Wachstum zu stecken. So etwas gelingt nur mit starken Venture Capital-Gebern, die an die Geschäftsidee glauben. Davon brauchen wir sehr viel mehr in Deutschland und eine Politik, die das fördert.

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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.

Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.

Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.

Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.

Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

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