Arbeitswelt 4.0 und der große Wandel (Interview)

Das Bild zeigt Dr. Cachelin (Wissensfabrik)
Bildquelle: Wissensfabrik

Im nachfolgenden Interview wurde mit Dr. Chachelin von der Wissensfabrik das Thema Veränderung in der neuen Arbeitswelt 4.0 beleuchtet.

Mit Industrie 4.0 steht die produzierende Industrie vor einem großen Wandel. Welche Auswirkungen hat das auf die Produktionsarbeiter in der Arbeitswelt 4.0?

Zunächst glaube ich, dass man immer weniger zwischen der Arbeit in der Landwirtschaft, der Produktion, dem Dienstleistungs- und Wissenssektor oder auch der Verwaltung unterscheiden kann. Klar sind die jeweiligen Hilfsmittel und Regulatorien vielleicht anders. Aber überall dort, wo die Arbeit vor einem Bildschirm stattfindet oder anders ausgedrückt, Arbeit in Mensch-Maschinen-Symbiosen passiert, gleicht sich die Arbeit an. Gefragt ist von den Menschen letztlich kritische Reflexion und Innovation. Im Moment wird häufig mit dem Begriff des Skill-Shifts argumentiert, um diese Auswirkungen einzufangen. Der Mensch wird sich in diesen neuen Arbeitswelten auf die Fähigkeiten spezialisieren, die ihn von den Maschinen unterscheiden. Darüber hinaus gibt es eine ethische oder gesellschaftspolitische Dimension in der Veränderung der Arbeitswelt. Es ist fraglich, wie sehr unser Arbeitsrecht und Sozialversicherungen noch taugen, in einem Kontext, wo Arbeit knapper, begrenzter und anspruchsvoller wird.

 

Welche Auswirkungen hat das auf die Führungskräfte?

Arbeit passiert immer mehr in offenen Netzwerken, in denen nicht mehr zwischen oben und unten oder außen und innen unterscheiden werden kann. Die Präsenzkultur wandelt sich in eine Zielkultur, in der Mitarbeitende statt an ihrer Anwesenheit an ihrem Wertschöpfungsbeitrag gemessen werden. Dabei verändert sich die Rolle der Führungskräfte. Ihre Aufgabe besteht darin zu inspirieren, zu moderieren, zu kuratieren, zu vernetzen, zu feedbacken, zu coachen. Ein großer Teil der Organisation der Arbeit wird an Technologie übertragen. Dieser Wandel weg vom „Command & Control Führungsstil“ setzt voraus, dass Führungskräfte Kontrolle abgeben und Unsicherheit ertragen können.

Industrie 4.0 bedeutet einen fundamentalen Wandel. Sind kleine und mittlere produzierende Unternehmen auf diesen Wandel eingestellt?

Die Größe ist nicht die zentrale Variabel um die Zukunftsfähigkeit eines Betriebes zu beurteilen. Man könnte sogar argumentieren, dass kleine und mittlere Unternehmen im Vorteil sind, weil sie Änderungen viel schneller umsetzen können und eher über die StartUp-Kultur verfügen, die sich große Konzerne wünschen. Wesentlich sind die Erkenntnisse, dass sich vieles verändern wird und der Mut, in HR, Führungskultur und Arbeitswelt den Change voranzutreiben.

Was wäre Ihre Empfehlung, wie die Unternehmen diesen Wandel am besten begegnen bzw. einläuten?

Wichtig ist sicherlich das Commitment der obersten Unternehmensführung. Hilfreich kann es auch sein, sich von Externen inspirieren zu lassen. Das kann durch Berater, Wissenschaftler, Mitarbeitenden aus anderen Abteilungen und Regionen passieren oder durch die Zusammenarbeit mit freischaffenden Mitarbeitenden. Ein anderer Weg, den ich Führungskräften empfehle, ist die Vernetzung und der Austausch mit Menschen in ähnlichen Positionen in anderen Unternehmen.

Welchen Kenntnisse und Fähigkeiten werden aus Ihrer Sicht in der Zukunft benötigt?

Das ist in erster Linie eine umfassende Selbstkompetenz. Zu dieser gehören Selbstreflexion, Selbstvertrauen aber auch Selbstinszenierung und Achtsamkeit. Wichtig ist auch eine ausgeprägte Selbständigkeit, welche die Fähigkeiten des Wissensmanagement, der Organisation und der Selbstmotivation einschließt.

Was müssen Unternehmen tun, um die Bildungslücken kurzfristig zu schließen?

Ich denke man muss auch die Personalentwicklung überdenken. Mit einem Gießkannen-System, das im starren Seminar-Modus Wissen vermitteln will, kommt man nicht mehr weit. Es braucht Ansätze, die an den individuellen Bedürfnissen der Mitarbeitenden ansetzen und zudem auf Austausch statt auf Vermittlung ausgerichtet sind. Beim Wandel geht es ja nicht primär darum, eine Wissenslücke sondern eine Veränderung des Mindsets zu erzielen. Fachwissen können (Wissens-)Arbeiterinnen selbständig mit Online-Angebote und Bücher beziehungsweise mittels Vernetzung schließen. Ich muss in der zukünftigen Arbeitswelt nicht alles wissen, sondern eher wissen was ich weiß und wissen wer etwas weiß, wenn ich es nicht weiss.

Ist das heutige Bildungssystem darauf bereits vorbereitet, was muss sich ändern?

Wir leben mit einem Bildungssystem, das sich noch zu sehr am Industriezeitalter orientiert. Man versucht die Bildung zu rationalisieren und alle auf dieselbe Art und Weise schnell und günstig durch die Schule zu schleusen. Ich wünsche mir mehr Individualisierung in den Lernzielen und in der Bewertung, eine Bildung, die sich mehr an Zusammenhängen denn an Fakten, mehr an Fragen statt Antwortet ausrichtet. Das darf aber nicht auf Kosten der sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten gehen. Auch die Medienkompetenz und das Verständnis für die Wirtschaft scheinen mir wichtig zu sein, aber ich glaube nicht dass es dafür eigene Fächer braucht. Die Digitalisierung verändert schließlich auch die Lern- und Arbeitswelten in den Schulen, was auch die Rolle der Lehrpersonen nicht unberührt lässt. Diesen Wandel wird man nicht vollziehen können, ohne mehr Ressourcen aufzuwenden. Es braucht ein Update der Infrastruktur sowie mehr Personal.

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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

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