Digitale Bildung. Wann kommt Schule 4.0?

Das Bild zeig ein Kind bei der Bedienung von Social Media Apps an einem Tablet
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Die fortschreitende Digitalisierung unserer Gesellschaft macht auch vor der Schule nicht halt, wo häufig noch Tafel statt Tablet und Kreide anstelle von Stift den Unterricht dominieren.

Bildung im Wandel

Wir leben in einer Welt, die mitten in einem großen Umbruch steht. Der schleichende Prozess der Digitalisierung ist seit vielen Jahren in vollem Gange und Bildung wird immer mehr der Schlüssel, um erfolgreich an der digitalen Welt teilzunehmen.  Dieser, durch Technologie getriebene, Wandel macht praktisch vor keiner Branche und keinem Unternehmen und damit auch nicht vor den Menschen halt.

NOKIA ist ein Beispiel dafür, was auch mit einem großen, multinationalen und marktführendem Unternehmen passieren kann, wenn man die Zeichen der Zeit nicht erkennt. In den letzten zehn Jahren hat das Internet einen festen und nicht mehr wegzudenkenden Platz in unserem privaten wie beruflichen Leben eingenommen und verändert nun auch komplett Berufsbilder und die Anforderungen. Somit steht auch die Bildung vor einem tiefen Wandel.

IT dominiert

Mit der Einführung des iPhones im Jahr 2007 hat das Smartphone seinen Siegeszug angetreten und die Gesellschaft ist mobil geworden. Mit YouTube und Facebook hat sich die Art und Weise wie wir kommunizieren und Inhalte konsumieren grundlegend geändert. Die Cloud-Technologie hat ebenso ihren festen Platz erhalten.

Die großen, aus dem Silicon Valley stammenden, IT Unternehmen wie Apple, Amazon, eBay, Facebook und Google dominieren und verändern die Welt. Besonders bemerkenswert ist es, dass die Unternehmen sich komplett neu auf die Zukunft ausrichten. So entwickelt sich beispielsweise Google von einem Unternehmen, deren Kernkompetenz heute noch Suchmaschine und Werbung ist, zu einem High-Tech Unternehmen.

Themen wie Smart Home, Gesundheit, Roboter oder autonomes Autofahren sind die Umsatztreiber von morgen und übermorgen. Mit dieser Strategie dringt Google in Branchen ein, in denen man Google heute noch nicht als Wettbewerber wahrnimmt. Der Niedergang von Nokia ist ein mahnendes Beispiel dafür was passiert, wenn große, multinationale und marktführende Unternehmen die Zeichen der Zeit nicht erkenne.

Revolution Industrie

Deutschland ist einer der konkurrenzfähigsten Industriestandorte weltweit. Um die Zukunft des Fertigungsstandortes Deutschland und damit Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und Beschäftigung zu sichern, stehen wir vor einem entscheidenden Umbruch. Nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Informatisierung läutet nun das „Internet der Dinge und Dienste“ das Zeitalter „Industrie 4.0“ ein.

In der vierten industriellen Revolution werden sich nun Maschinen, Förder- und Lagersysteme, Roboter und Betriebsmittel miteinander vernetzen. Diese tauschen Informationen in Echtzeit aus, organisieren und steuern sich situativ, dezentral und selbständig. Menschen, Maschinen und System sind nun permanent miteinander verbunden und kommunizieren in Echtzeit. Damit ändern sich Abläufe und Arbeitsweisen in der Fertigung und im gesamten Unternehmen fundamental.

Automatisierung verändert

Mit der zunehmenden Durchdringung des Internets und neuen Technologien verändern sich auch die Anforderungen an die Menschen. Roboter kommen in der Produktion immer mehr zum Einsatz und übernehmen Tätigkeiten, die heute noch von schwächer qualifizierten Mitarbeitern ausgeführt werden.

Das macht eines deutlich – um den Arbeitsplatz zu erhalten müssen sich die schwächer ausgebildeten Arbeiter qualifizieren. Aber auch die qualifizierten Facharbeiter müssen sich weiter qualifizieren, denn die Produktion von morgen stellt neue Anforderungen an Sie. Der Wandel in der Produktion macht aber auch nicht an den Führungskräften halt. Intelligente Software und Algorithmen übernehmen in anderen Bereichen Aufgaben, die heute noch von Menschen ausgeübt werden. Somit werden sich viele Berufsbilder zukünftig verändern bzw. teilweise wegfallen.

Digitaler Zugang

Heute wird das Internet noch sehr unterschiedlich genutzt und ist oft abhängig von Bildung und Einkommen. Menschen mit einer schwächeren Bildung und einem geringeren Einkommen nutzen das Internet zu 60%, während Menschen mit stärkerer Bildung und einem höheren Einkommen das Internet zu 90% nutzen. Diese Zahlen machen deutlich, wie wichtig es ist, das es eine Chancengleichheit gibt, an der digitalen Welt teilzunehmen, sonst droht die digitale Spaltung der Gesellschaft.

Digitale Medienkompetenz

Die junge, heranwachsende Generation benötigt zunächst einmal den Zugang zum Internet. Technologisch bedeutet das, dass ein breitbandiger Internetanschluss und ein entsprechendes Gerät wie PC/Laptop oder Smartphone/Tablet zur Verfügung stehen. Die Technologie ist aber nur die eine Seite der Medaille. Mindestens genauso wichtig ist es, eine entsprechenden IT- und Medienkompetenz zu erwerben.

Die neuen technologischen Werkzeuge bieten hervorragende Möglichkeiten. Das Bedienen der Geräte, egal ob Tastatur, Maus oder Touch-Display ist dabei die geringste Herausforderung. Noch nie war es so einfach an Informationen zu gelangen. Informationsrecherche im Internet erscheint auf den ersten Blick genauso einfach wie das Nachschlagen in einem Lexikon – Suchbegriff in Google eingeben und fertig.

Aber so leicht ist es dann doch nicht, denn plötzlich stehen Unmengen an Informationen zur Verfügung. Diese müssen gesichtet und bewertet werden. Welche Informationen sind die richtigen, sind relevant und wahr, welche nicht? Das Beispiel macht deutlich, wie wichtig es ist, das richtige Verständnis für die Technologie und deren Zusammenhänge zu erlangen und diese zu bewerten bzw. richtig einzuordnen. Das passiert nicht von alleine und hier setzt die „neue digitale Bildung“ ein.

Herausforderung Bildung

Eines wird deutlich – wir stehen vor einem tiefgreifenden Wandel. Dieser Wandel stellt an die heute Generation ganz neue Anforderungen. Das bedeutet, dass wir uns kontinuierlich weiterbilden und auf die neuen Gegebenheiten ausrichten bzw. einstellen müssen. Mit diesem Wandel muss sich aber auch das komplette Bildungssystem neu ausrichten, egal ob es sich um Grund- oder Oberschule, Ausbildung oder Studium  handelt.

In den letzten Generationen war es häufig so, dass man einen Beruf gelernt hat und diesen dann mehr oder weniger ein Leben lang ausgeübt hat. Das Berufsleben war nicht unbedingt durch dynamische Änderungen geprägt. Diese Zeiten sind endgültig vorbei und ein lebenslanges Lernen ist vorprogrammiert. Bildung wird in unserer Gesellschaft immer mehr zum Erfolgsfaktor um Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Ein Zugang zur Technologie ist damit unerlässlich.

Früh übt sich

Je früher man die neue Generation an die Technologie heranführt, umso besser. Die Herausforderung ist es dabei, den Zugang zu Technologie und Medien immer an das aktuelle Alter anzupassen. In den ersten Lebensjahren, noch bevor die Schule beginnt, werden die Grundlagen für das spätere Lernen und Entwickeln gelegt.

Allerdings ist es eher ungeeignet, das Kind vor ein Tablet zu setzen und es damit alleine zu lassen. Viel wichtiger ist es, die sensomotorischen Fähigkeiten zu entwickeln. Das Wort „Senso“ steht für die Sinneserfahrung. Es wichtig, mit den Sinnen die neue Welt zu entdecken – sie sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Das kann die Technologie nicht abnehmen, aber sie kann punktuell helfen, diesen Prozess zu unterstützen und das Entdecken und Lernen zu unterstützen bzw. zu fördern.

Traditionelle vs neue Medien

Einer Studie von Allensbach zufolge kommen 69% der Kinder unter fünf Jahren noch überhaupt nicht mit digitalen Medien in Kontakt. Hier sind noch klassische Medien wie TV, Bücher, CD und MP3 verstärkt vorhanden. Bei den über fünfjährigen Kindern sinkt der Anteil dann in der Grundschule auf 23%. Auch die Nutzung des Internets verändert sich gravierend.

Kinder über acht Jahren nutzen das Internet bereits zu 82% während es bei Kindern unter acht Jahren erst zu 45% genutzt wird. Eltern, Lehrer und Erzieher gleichermaßen sind sich einig und lehnen mit über 70% die Nutzung von digitalen Medien mehrheitlich ab. Nur 19% der Eltern finden die Nutzung im Kindergarten gut – in der Grundschule sind es dann schon 49%.

Interessant, wenn auch nicht verwunderlich, ist der Einfluss des Alters der Lehrer. Für 40% der unter 40-Jährigen Lehrer spielen digitale Medien eine sehr große Rolle. Bei den unter 50-Jährigen sind es noch 33% und bei der über 50-Jährigen nur noch 22%.

Keine Patentrezepte

Die Zahlen machen deutlich, dass bei den Kindern an der Schwelle vor fünf bzw. nach fünf Jahren eine starke Veränderung in der Nutzung der digitalen Medien einsetzt. Diese Schwelle ist kein Schalter, den man einfach von heute auf morgen umlegt. Ein Patentrezept, wann man wie intensiv mit dem Einsatz von digitalen Medien beginnt, gibt es nicht.

Aber die digitalen Medien sollten schrittweise und mit Weitblick eingesetzt werden, die die natürliche Entwicklung fördert, unterstützt und nicht behindert. Die Eltern sollten diese Phase nutzen, sofern vorhanden, Barrieren zur Technologie abzubauen, sich entsprechend weiterzubilden und fit für die Zukunft zu machen.

Raus aus dem Mittelmaß

Sobald die Kinder in die Schule kommen ist alles in Ordnung, denn da lernen sie ja alles Notwendige – oder? Leider sieht es nicht ganz so aus. Nach der 2014 veröffentlichten Studie “International Study on Computer and Information Literacy” kennen sich deutsche Schüler nur mittelmäßig in der digitalen Welt aus. Die Schüler und Schülerinnen aus der achten Klasse befinden sich im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass sich die Ausstattung der Schulen im Mittelfeld befindet. In Norwegen kommen auf einen PC 2,4 Schüler, während es in Deutschland 11 sind. Allgemein lässt sich feststellen, dass PC & Internet schon in den Schulen angekommen sind. Primäre Anwendungsszenarien sind allerdings häufig auf Präsentieren und Recherchieren beschränkt. Aber das reicht den Schülern mittlerweile nicht mehr und so verwundert es nicht, dass neue Bedürfnisse entstehen.

Neue Anforderungen

Die Schüler wollen mehr zum rechtlichen Hintergrund, Datenschutz, Nutzung, Bedienung und Programmierung erfahren. Die technische Ausstattung lässt allerdings oft zu wünschen übrig. Kinder bringen zu 92% eigene Smartphones mit in die Schule und haben sehr oft auf viel bessere Technologien Zugriff, als sie in der Schule vorfinden, wo häufig nur die zweit- oder drittletzte Technikgeneration zur Verfügung steht. Mit 90% nutzt der größte Teil der Lehrer digitale Medien in der Unterrichtsvorbereitung.

Die Nutzung der Medien im Unterricht sieht dann aber nur unterdurchschnittlich – Tafel und Kreide dominieren häufig noch. So ist die Aussage in der BITKOM Studie auch nicht verwunderlich, dass die Fotokopie noch das häufigste im Schulunterricht eingesetzte Medium ist. Das macht deutlich, dass der Wandel auch nicht am Lehrer halt macht und hier dringend eine Qualifizierungs-Offensive notwendig ist.

Die deutsche Bundesregierung hat diese Herausforderung erkannt. Im Rahmen der “Digitale Agenda 2014-2017” gibt es auch das Handlungsfeld “Bildung, Forschung, Wissenschaft, Kultur und Medien”.

Aufbruch in die digitale Welt

Eines muss uns bewusst sein – die komplette Bildung muss sich ändern und sich an die neuen Anforderungen anpassen. Es werden neue Berufsbilder entstehen, bestehende werden sich ändern, vielleicht gar wegfallen. Mit einem Blick auf Grund- und Oberschule müssen alle Beteiligten eng zusammenrücken und zusammenarbeiten – Lehrer, Erzieher und Eltern.

Die Kinder erlernen heute Ihre IT- und Medienkompetenz auf dem Pausenhof – nicht im Klassenzimmer. So sind alle gefordert, sich hier stärker mit den neuen Themen zu beschäftigen und sich nicht gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben. Der Zugang zu Technologie muss sichergestellt sein und darf nicht von der sozialen Herkunft abhängig sein. Nur so wird es der jungen, heranwachsenden Generation möglich sein, sich erfolgreich in der neuen digitalen Welt zu positionieren.

Weitere Informationen

  • Digitalisierung – ein Tsunami rollt auf uns zu
  • Arbeitswelt 4.0 trifft auf Industrie 4.0

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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

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