Das Bild zeigt Matthias Wissmann (VDA)
Bildquelle: VDA

Im nachfolgenden Interview wurde mit Matthias Wissmann, Präsident vom „Verband der deutschen Automobilindustrie e.V. (VDA)“ das Thema Digitalisierung und Elektromobilität beleuchtet.

Herr Wissmann, die IAA 2015 liegt nun einige Monate hinter uns – welche primären Erkenntnisse haben Sie mitgenommen?

Mit mehr als 930.000 Besuchern – 50.000 mehr als vor zwei Jahren – und 219 Weltpremieren war die  IAA für uns ein großer Erfolg. Sie stand in diesem Jahr ganz im Zeichen der Digitalisierung und Vernetzung des Automobils – deshalb auch das Motto „Mobilität verbindet“. Die IAA hat wieder einmal bewiesen, dass sie die Leitmesse im automobilen Bereich ist. Mit 1.103 Ausstellern aus 39 Ländern ist sie noch internationaler geworden. Besonders erfreulich ist: Die IAA-Besucher sind jünger geworden und im Schnitt 34 Jahre alt – bei der letzten IAA lag das Durchschnittsalter noch bei 37 Jahren. Das widerlegt die viel bemühte These, dass junge Menschen immer weniger Interesse am Auto haben. Das Gegenteil ist der Fall. Das Auto fasziniert über alle Generationen hinweg.

 

Man hat den Eindruck, dass das wichtige Thema Elektromobilität von den deutschen Automobilherstellern nicht mit vollem Engagement vorangetrieben wird und eher Unternehmen wie TESLA den Takt angeben. Woran liegt das?

Einspruch! Die deutsche Automobilindustrie hat ein großes strategisches Interesse daran, die Elektromobilität voranzutreiben und E-Fahrzeuge auf den Markt zu bringen – nicht zuletzt um die CO2-Grenzwerte zu erfüllen. Das Angebot an Elektroautos nimmt auch stetig zu. In Kürze werden allein die deutschen Hersteller 29 Serienmodelle mit Elektroantrieb auf der Straße haben. Allerdings sind die Rahmenbedingungen in Deutschland nach wie vor nicht optimal; die Wachstumsraten der Elektroautos in anderen Ländern, etwa in Norwegen oder in den Niederlanden, sind deutlich höher. Deshalb spricht  sich der VDA auch intensiv dafür aus, dass es einen entsprechenden staatlichen Impuls für die Elektromobilität gibt. Wir sind überzeugt: dann wird die Elektromobilität Fahrt aufnehmen.

Die Bundesregierung hat sportliche Ziele auf den Weg gebracht. 2020 sollen eine Million E-Fahrzeuge auf unseren Straßen rollen. Ist dieses Ziel noch zu erreichen und was muss seitens der Regierung, aber auch von den Automobilherstellern unternommen werden?

Kostenlose Parkmöglichkeiten und die Steuerfreiheit, aber auch die Nutzung von Busspuren sind wichtige Anreize dafür, dass die Elektromobilität hochfährt. Darüber hinaus erinnern wir die Politiker immer wieder daran, über weitere Maßnahmen nachzudenken, damit Deutschland nicht nur Leitanbieter, sondern auch Leitmarkt wird. Wir schlagen zeitlich begrenzte Impulse vor. Auch steuerliche Impulse, etwa bei den Betriebskosten oder der Einkommensteuer, wären möglich. Zudem gibt es bei der Ladeinfrastruktur noch erheblichen Nachholbedarf. Die Nationale Plattform Elektromobilität empfiehlt ein „10.000-Säulenprogramm“, das von 2015 bis 2017 umgesetzt werden sollte. Dafür müssen 100 Mio. Euro investiert werden, die Hälfte davon durch öffentliche Förderung, die andere Hälfte durch private Investoren.

Apple hat die Musik- und Telekommunikations-Industrie auf den Kopf gestellt. Haben Google und Tesla das Potential, das gleiche mit der Automobil-Industrie zu tun?

Wir sehen in diesen Unternehmen Partner – keine direkten Wettbewerber. Der Automobilindustrie ist es bisher immer gelungen, neue Technologien ins Fahrzeug zu integrieren. Ich denke da ganz aktuell an die Akquisition der Nokia-Sparte Here durch Audi, BMW und Daimler. Die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung erweitern die Möglichkeiten und Fähigkeiten des Autos, aber sie ersetzen es nicht. Grundsätzlich müssen wir uns natürlich darüber im Klaren sein, dass eine Industrie mit solch großem Potenzial wie die Automobilindustrie den einen oder anderen interessierten Neueinsteiger dazu einlädt, an diesem Wachstum teilzuhaben. Doch die Erfahrung im Automobilbau, die wir mitbringen, ist viel wert. Aber klar ist auch: Wir müssen hellwach sein. Ohne stetige Innovationsbereitschaft wird sich kein etablierter Autohersteller dauerhaft an der Spitze behaupten können. Gerade deshalb investieren unsere Unternehmen jährlich rund 34 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung.

Der Tesla ist praktisch heute schon ein rollendes Smartphone, das permanent mit dem Hersteller verbunden ist. Notwendige Software-Updates werden nahezu in Echtzeit weltweit ausgerollt. VW muss zu einem Software-Update in die Werkstatt fahren. Hat die Deutsche Automobil-Industrie hier die Zeichen der Zeit verschlafen?

Das Auto ist in seiner Komplexität mit keinem anderen Produkt vergleichbar. Ein ganzer Fächer von Zielen muss gleichzeitig erreicht werden: höchste Sicherheit, bester Komfort, Langzeitqualität, effizienter Verbrauch, niedrigste Schadstoffemissionen, faszinierendes Design, und modernste Konnektivität. Das zeigt, dass IT ein wichtiger Baustein ist,  aber eben nur einer von vielen, um erfolgreich im Markt zu bestehen. Mehr als 125 Jahre Ingenieurserfahrung lassen sich  nicht so leicht aufholen. Richtig ist: Die moderne Informationstechnologie verzahnt sich immer stärker mit dem Automobil. Es gibt immer mehr Spielraum für Software-Entwickler und Fachleute für Sensorik oder Fahrerassistenzsysteme. Der Ingenieur der Zukunft ist definitiv ein Allroundexperte.

Softwareentwicklung ist im Vergleich zur Automobilindustrie eine komplett andere Welt. Was müssen die Automobilhersteller unternehmen, um nicht in der von Software dominierten Welt am Ende des Tages zu einem nachgelagerten Hardwareproduzenten zu verkümmern?

Es ist zu beobachten, dass die Automobilhersteller ihr Know-how und damit die Zahl ihrer IT-Entwicklungsingenieure kräftig steigern. Wer im „driver’s seat“ bleiben will, darf die Kernkompetenzen nicht in größerem Umfang nach außen vergeben. In den nächsten drei bis vier Jahren investieren deshalb die deutschen Hersteller und Zulieferer bis zu 18 Milliarden Euro allein in Forschung und Entwicklung zum vernetzten und automatisierten Fahren. Die Innovationskraft der deutschen Hersteller und Zulieferer ist seit jeher sehr hoch. Denn wir wissen, der Wettbewerb schläft nicht. Die gute Position, die die deutsche Automobilindustrie hat – mit einem Weltmarktanteil von rund einem Fünftel, und einem Anteil am Weltpremiummarkt von fast 80 Prozent -, muss tagtäglich neu verteidigt und ausgebaut werden.

Google treibt seit mehr als fünf Jahren das autonome Fahren (Stufe 5). Welche Chancen hat das autonome Fahren verglichen mit dem assistierten bzw. automatisierten Fahren (bis Stufe 4), das die deutschen Automobilbauer bevorzugen?

Unter der Stufe 5 verstehen wir, dass das Fahrzeug auf allen Straßentypen, in allen Geschwindigkeitsbereichen und unter allen Umfeldbedingungen die Fahraufgabe vollständig allein durchführen kann. Wann dieser Automatisierungsgrad erreicht sein wird, können wir heute noch nicht sagen. Der Fokus der Forschung und Entwicklung liegt zunächst auf den Automatisierungsgraden des teil-, hoch- und vollautomatisierten Fahrens. Auf der IAA haben wir gezeigt, dass der Weg zum automatisierten Fahren  evolutionär ist. Die deutsche Automobilindustrie arbeitet an Lösungen für unterschiedliche Fahrerassistenzsysteme; einige sind ja bereits im Einsatz. Diese Systeme werden den Fahrer entlasten. Der intelligente Einsatz von Assistenzsystemen und das automatisierte Fahren werden einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Unfallzahlen weiter zu senken. Die Übernahme einzelner Funktionen wie Längs- und Querführung des Autos – zum Beispiel beim Staupilot oder beim Autobahn-Chauffeur – wird die häufig vom Fahrer verursachten Gefahrensituationen stark reduzieren. Unfälle durch Ablenkung, Über- oder Unterforderung können dann verhindert werden.

Bitte werfen Sie abschließend einen Blick in das Jahr 2020. Wie sieht dann die Automobilwelt aus?

Die intelligente Vernetzung und die Digitalisierung werden innerhalb und außerhalb des Fahrzeugs eine immer wichtigere Rolle spielen. Das hat natürlich massiven Einfluss darauf, wie wir künftig mit der individuellen Mobilität umgehen werden. Das Auto wird dabei auch im Jahr 2020 eine Hauptrolle spielen: Vernetzte Autos, automatisiertes Fahren, neue Nutzungsformen wie Carsharing und emissionsfreie Antriebsalternativen sind die Themen, die dann im Fokus stehen. Eines ist klar: Keine Branche allein wird die Herausforderungen der Mobilität der Zukunft lösen können. Die deutsche Auto- und Zuliefererindustrie ist hier gut aufgestellt, sie hat bereits viele Milliarden Euro in diesen Zukunftsmarkt investiert und intensiviert die Anstrengungen für ein umfassendes neues Mobilitätsverständnis.

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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

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