Wie sieht der DIHK die Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung? (Interview)

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Dirk Binding, Bereichsleiter DIHK, reflektiert in dem Interview die Themen  Industrie 4.0 und Digitalisierung bei den 3,6 Millionen gewerblichen Unternehmen.

Die Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung haben die Unternehmen in der Regel erreicht, auch wenn diese noch sehr unterschiedlich verstanden werden. Wo stehen die Mitgliedsunternehmen des DIHK und wie treibt der Verband das Thema?

In der Tat nehmen die Unternehmen die Digitalisierung immer stärker als Wachstumstreiber wahr. Das führt dazu, dass sie sich auch stärker mit dem Thema befassen. Unsere aktuelle Umfrage zeigt, dass die Unternehmen sich dabei der wesentlichen Herausforderungen bewusst sind. Die Themen

  • IT-Sicherheit,
  • Weiterbildung und
  • Investitionen

stehen ganz oben auf ihrer Aktivitäten-Liste. Wir als DIHK adressieren diese Herausforderungen auch an die Politik. Dabei ist eines ganz klar – ohne leistungsfähige digitale Infrastrukturen werden sich kaum innovative digitale Dienste entwickeln. Moderne Glasfasernetze müssen effektiv und effizient geplant und weiterentwickelt werden. Bislang fehlen aber weitgehend Konzepte, insbesondere für die Regionen, in denen der Markt allein nicht für den Aufbau zukunftsfähiger Infrastrukturen sorgt. Das ist vor allem im ländlichen Raum der Fall – dort sind aber auch die meisten mittelständischen Unternehmen angesiedelt, ebenso ein Großteil der Bevölkerung.

Industrie 4.0 hat gerade für den Industrie-Standort Deutschland eine hohe Bedeutung und steht zu Recht ganz oben auf der Agenda der Bundesregierung. Wie sehen Sie die Entwicklung in Deutschland, sind wir gut aufgestellt, was fehlt?

Hiesige Industriebetriebe haben sich mit ihrem Know-how um industrielle Fertigungsprozesse und Steuerungselektronik weltweit eine gute Wettbewerbsposition erarbeitet. Deutschland ist mit seinem großen Angebot an erstklassiger

  • Fertigungstechnologie,
  • Fertigungssteuerung und
  • Produktionsplanungssoftware

der „Ausstatter der Werkstätten der Welt„. Die hiermit verbundene gute Marktstellung und umfassende Kompetenz prädestiniert deutsche Unternehmen als Anbieter und Entwickler von Industrie 4.0 in der Produktion. Diese gute Ausgangsposition darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade der industrielle Mittelstand vor einem hohen Investitionsbedarf in IT-gesteuerte Produktionsmittel und Maschinen steht.

Zudem ist die IT-Infrastruktur in den vielen kleinen und mittleren Industriebetrieben sehr heterogen, und wertschöpfungskettenübergreifend harmonisierte Schnittstellen und Standards sind noch nicht verbreitet. Dennoch bin ich optimistisch. Es haben sich viele Initiativen herausgebildet, in denen sich auch die IHK-Organisation engagiert. Ich denke da an die Plattform Industrie 4.0 auf Bundesebene, die vom BMWi geförderten Kompetenzzentren Mittelstand 4.0 oder zahlreiche Landesinitiativen. Diese treiben innovative Industrie 4.0-Implementierungen voran und arbeiten daran, in der Praxis bewährte und an-wendbare Standards herauszubilden.

Mit der Digitalisierung der Gesellschaft stehen die Unternehmen vor einem fundamentalen Wandel. Kleine und mittlere Unternehmen sind häufig mit den neuen Themenstellungen überfordert. Was kann die IHK-Organisation hier leisten?

Ich denke, wichtig für den Erfolg ist eine auf Augenhöhe angelegte Zusammenarbeit der Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette – voneinander lernen, das geht am besten in den Regionen. Und da können IHKs unterstützen – mit Veranstaltungen, Informationen und einem regionalen Netzwerk, indem beispielsweise traditionelle Industrieunternehmen mit Startups zusammengebracht werden. Die IHKs haben im vergangenen Jahr über 1.000 Veranstaltungen mit einer geschätzten Gesamtteilnehmerzahl von 63.400 Personen zu den Topthemen

  • E-Business,
  • Industrie 4.0 und
  • IT-Sicherheit.

durchgeführt. Mit Aus- und Weiterbildungsangebote unterstützen die IHKs entsprechend auch die Unternehmen.

Neben intelligenter Software und Algorithmen dringen Roboter gerade in produzierenden Unternehmen immer stärker in die Unternehmen vor. Bei den Mitarbeitern entstehen Sorgen und Ängste, dass immer mehr Arbeitsplätze wegfallen und die menschenleere Fabrik droht. Was entgegnen Sie diesen Ängsten?

Ich kann verstehen, dass die Schnelligkeit und die Komplexität dieser Entwicklungen zu Sorgen bei den Mitarbeitern führen können. Wichtig ist, dass die Mitarbeiter von Beginn an eingebunden werden – wie bei allen Change-Prozessen. Das bedeutet, Industrie 4.0-Projekte in interdisziplinären Projektgruppen anzugehen, den Umgang mit veränderten Arbeitsbedingungen gemeinsam mit den Mitarbeitern zu gestalten und rechtzeitig Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten.

Aufgabe von Politik und Verbänden ist es, die Vorteile der Digitalisierung zu verdeutlichen. Von denen können insbesondere ländliche Regionen – und somit auch die Mitarbeiter der Unternehmen und ihre Familien – profitieren. Denn Familie und Beruf lassen sich durch Home Office leichter miteinander verbinden. Ältere oder kranke Familienmitglieder können dank virtueller Arztbesuche oder Fernmonitoring länger selbstständig wohnen. Regionen gewinnen auch, wenn der stationäre Einzelhandel von zusätzlichem Online-Handel profitiert. So erwirtschaftet inzwischen ein Drittel der Händler zusätzliche Umsätze über das Internet.

IT und Software dringt nun immer tiefer in die Wertschöpfungsketten der Unternehmen vor. Die IT Innovationen werden aber im Silicon Valley generiert. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Momentan sehen wir vor allem im B2C-Bereich enorme Marktmacht-Verschiebungen zu Gunsten virtueller Plattformen – vor allem bedingt durch die rasante Verbreitung von Smartphones. Auf deren Betriebssystemen landet alles Wissenswerte etwa zu

  • Vorlieben,
  • Kauf- und sogar
  • Zahlungsverhalten

der Kunden. Netzwerkeffekte in diesen Märkten führen dazu, dass Plattformen ab einer bestimmten Größe quasi automatisch alle Angebote und Nachfrage auf sich ziehen können. Die Daten finden sich des-halb heute in den Händen einiger weniger US-amerikanischer Plattform-Betreiber.

Auch im B2B-Bereich werden immer mehr Geschäftsprozesse über Plattformen abgewickelt. Diesen Bereich sollten wir nicht anderen überlassen. Unsere Unternehmen müssen daran arbeiten, für ihre vernetzten Prozesse sichere Austauschmöglichkeiten zu finden – die Etablierung gemeinsamer Plattformen durch die Unternehmen selbst, zum Beispiel für den industriellen Bereich, könnte eine Lösung sein. Es gibt aber auch andere technische Möglichkeiten. Hier sollte die Politik durch gezielte Forschungsförderung unterstützen.

Silicon Valley ist die weltweite Keimzelle für Innovationen und Start-ups. Risikokapital ist in großer Menge genauso wie der Mut zum Scheitern vorhanden. In Deutschland sieht das anders aus. Was müssen wir tun?

Die Innovationsprozesse im Silicon Valley sind mit unseren herkömmlichen Verfahren nicht vergleichbar. Ich bin der Meinung, die traditionelle deutsche Ingenieurskunst hat auch in einer digitalisierten Welt ihre Berechtigung. Aber in bisschen mehr von der Mentalität des Silicon Valley, ein bisschen mehr Mut zu „Trial and Error“ statt der Entwicklung eines vollkommenen Produkts könnten uns manchmal ganz gut tun.

Manchmal ist eine 80%tige Lösung, die auf den Markt kommt, erfolgreicher als eine 100%tige Lösung, die keinen Markt findet, weil sie alle Eventualitäten von vorn herein abdecken soll, aber dann nicht genutzt wird, weil sie viel zu kompliziert ist. In vielen Veranstaltungen geht es auch um die Frage, wie die Digitalisierung dazu beitragen kann, die Anforderungen der Kunden noch besser zu befriedigen. Ganz wichtig ist, dass die Unternehmen regelmäßig ihr Geschäftsmodell auf seine Zukunftsfähigkeit hin abklopfen. Dafür wird anhand von praktischen Berichten aus der Unternehmenspraxis sensibilisiert.

Die Digitalisierung wird unsere Arbeitswelt komplett verändern. Ist unser Bildungssystem darauf schon vorbereitet?

Um die jungen Menschen auf die Herausforderungen der Digitalisierung vorzubereiten, müssen bereits in der allgemein bildenden Schule die Weichen gestellt werden. Das ist noch nicht flächendeckend erfolgt. Wir brauchen fitte Lehrer, die digitale Kompetenzen vermitteln können. Die Vermittlung von Medien- und Digital-Kompetenzen in der Lehrerausbildung ist dafür eine wichtige Grundvoraussetzung.  Bisher kaum Thema in den Schulen sind die Vermittlung von

  • Sozial- und Problemlösungskompetenzen,
  • Teamfähigkeit und
  • das Üben interdisziplinären Denkens in Projektarbeit.

Diesen Dingen sollte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, denn sie würden auch dazu beitragen, dass die Menschen sich in einer sich immer schneller wandelnden Arbeitswelt besser zurechtfinden. Die IHK-Organisation selbst gestaltet die duale Berufsausbildung maßgeblich mit. Wir sind mit unseren Berufen gut aufgestellt und das System der Beruflichen Bildung kann flexibel auf die neuen Anforderungen der Digitalisierung reagieren. Ausbildungsordnungen sind grundsätzlich technikoffen formuliert, so dass Anpassungen der Ausbildung, die durch die Einführung neuer Techniken entstehen, zeitnah vorgenommen werden können ohne jedes Mal gleich einen neuen Ausbildungsberuf gestalten zu müssen.

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Der DIHK zu den Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung (Interview)
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Der DIHK zu den Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung (Interview)
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Dirk Binding, Bereichsleiter DIHK, reflektiert in dem Interview die Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung bei den 3,6 Millionen gewerblichen Unternehmen.
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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

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