ZF Friedrichshafen und die Elektromobilität im Jahr 2025 (Interview)

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Dr. Harald Naunheimer, Leiter Zentrale Forschung und Entwicklung bei ZF, reflektiert das Thema Elektromobilität und gibt einen Ausblick in das Jahr 2025.

TESLA gibt Vollgas und man hat den Eindruck, dass das wichtige Thema Elektromobilität von den deutschen Automobilherstellern nicht mit vollem Engagement vorangetrieben wird. Woran liegt das?

Das sehe ich absolut nicht so. Vielmehr sehe ich die deutsche Automobil-Industrie technologisch weltweit als führend an, gerade im Bereich der Integration von Leistungselektronik und Mechanik. Nun muss man aber fairerweise auch sagen, dass ein Newcomer wie Tesla mit völlig anderen Voraussetzungen an den Start gehen kann. Die deutsche Automobilindustrie hat aus ihrer langen Geschichte und Tradition heraus natürlich gewisse Abhängigkeiten zu bestehenden Kundenbeziehungen und -erwartungen sowie technischen und produktionstechnischen Rahmenbedingungen. Hier gilt es, den heutigen Markt zu befriedigen und parallel dazu neue Produkte auf Basis neuer Technologien zu entwickeln. Völlig neue Marktteilnehmer haben hier den Vorteil, praktisch auf der grünen Wiese gestartet zu sein.

Wird die Kaufprämie der Bundesregierung für Elektroautos das Thema in Deutschland erfolgreich anschieben? Was fehlt?

Die Kaufprämie kann nur ein Mittel sein, das Thema Elektromobilität zu fördern. Aber es gibt natürlich weitere Herausforderungen, wie auch die eher geringe Abrufrate der aktuellen Prämie zeigt. Die noch unzureichende Lade-Infrastruktur ist dabei sicherlich ein wesentlicher Punkt. Des Weiteren ist es oftmals noch der zu hohe Preis des Elektroautos und die geringere Reichweite. Darüber hinaus sind es aber auch noch andere Probleme, dass sich beispielsweise der Gebrauchtwagen-Markt erst entwickeln muss. Insgesamt blicken wird da aber positiv in die Zukunft und sehen, dass einiges am deutschen Markt in Bewegung ist.

Google will das Autofahren komplett neu definieren und dreht seit 2009 bereits seine autonomen Runden in San Francisco und sammelt wertvolle Erfahrungen in den Millionen von Testkilometern. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Es wäre fahrlässig, Google nicht ernst zu nehmen, dennoch macht uns das keine Angst. Sie verfügen über entsprechende Mittel, die sie gezielt in die eigene technologische Zukunft investieren. Darüber hinaus gibt es natürlich in Amerika wesentlich mehr Risikokapital, als das in Deutschland aktuell der Fall ist. Natürlich ist Google in vielen technologischen Themen vorne dabei, sei es Big Data, Künstliche Intelligenz oder Bildverarbeitung. Aber man darf einfach nicht unterschätzen, dass es nicht so einfach ist, ein Auto effizient, sicher und komfortabel von A nach B zu bewegen. Das heutige Automobil ist hoch komplex und die Automobilindustrie hat tiefes Know-how in Forschung, Entwicklung, Produktion und Logistik. Aus meiner Sicht stellt sich nicht die Frage ob neue Akteure aus dem Internetbereich oder klassische Automobilindustrie. Beide bewegen sich vielmehr aufeinander zu und lernen voneinander. Daher begrüße ich es außerordentlich, dass neue Marktteilnehmer neue Impulse setzen.

Wie nehmen Sie die neuen Wettbewerber aus dem Silicon Valley wie Apple, Google und TESLA allgemein wahr? Bereitet Ihnen das Sorge?

Nein, das bereitet mir keine Sorgen. Wie bereits erwähnt nehmen wir die Konkurrenz sehr ernst. Software ist eine immer wichtiger werdende Komponente im Auto. Da haben IT-Unternehmen sicherlich erstmal Vorteile. Des Weiteren dominieren sie natürlich mit ihren Betriebssystemen die mobilen Endgeräte, mit denen die Fahrer das Auto betreten. Hier muss es Integrations-Szenarien geben, um dem Kunden ein nahtloses Nutzer-Erlebnis zu bieten. Am Ende des Tages gilt es aber immer noch, das Gesamtsystem Auto zu beherrschen und hier hat die traditionelle Automobilindustrie die Nase noch immer um einige Längen voraus.

Daimler und BMW haben mit der StartUp Autobahn bzw. der StartUp Garage eigene StartUp Initiativen ins Leben gerufen. Sind die Start-Up Bemühungen in Deutschland ausreichend?

Zurzeit tut sich an allen Ecken und Enden etwas in Richtung Start-ups. Natürlich sind wir auch bei ZF nicht untätig und beteiligen uns, wenn es uns für unsere Technik relevant erscheint. Start-ups sind kleine agile Unternehmen und wertvolle Keimzellen von innovativen Ideen. Daher werden wir eines nicht tun – diese Start-ups in unser Unternehmen hineinholen. Wir sind ein sehr großes Unternehmen und da ist es normal, gewisse Prozesse implementiert zu haben. An dieser Stelle prallen zwei Welten aufeinander und das würde die Start-ups wohl unnötig verschrecken. Uns ist daher viel wichtiger, Start-ups gezielt mit den richtigen Menschen im Unternehmen zu vernetzen und den regelmäßigen Dialog zu fördern.

Die Kultur im Silicon Valley unterscheidet sich grundlegend von deutschen Tugenden. Mut zum Scheitern gehört dort ebenso dazu wie die Bereitschaft, Risikokapital zu investieren. Was müssen wir in Deutschland ändern?

Veränderung ist ein steter Prozess. Es wäre meiner Meinung aber nicht richtig zu sagen, wir müssen jetzt wie die Amerikaner werden. Das würde auch nicht funktionieren. Allgemein lässt sich sagen, dass der Mut zum Scheitern in Deutschland fehlt. Aber das ist auch kein Wunder. Es ist ein Teil unserer Kultur. Bereits in der Schule und der Ausbildung bekommen wir die Notwendigkeit zur Perfektion vermittelt. Dieses Verhalten stellt man daher nicht von jetzt auf gleich ab. Das müssen wir einfach üben und lernen.

IT und intelligente Software nimmt im Auto eine immer stärkere Rolle ein. Werden die Automobil-OEM zu Hardware-Herstellen verkümmern, während die Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley die Führung übernehmen?

Nein, die deutschen OEM werden nicht zu Hardware-Herstellern verkümmern. Aber eines ist sicher: Die Industrie steht vor einem fundamentalen Wandel, in dem intelligente Software eine immer stärkere Rolle einnimmt. Hier müssen die Unternehmen noch viel stärker eigene IT-Ressourcen aufbauen, was allerdings nicht immer so einfach ist. Die vorhandenen Ressourcen in Deutschland und Europa sind limitiert. Dennoch wird es auch weiterhin aus Deutschland gute Software geben. Gerade im Bereich der Funktions- und Systemarchitekturen sind wir gut aufgestellt.

Welche Wichtigkeit hat die Formula Student Germany für ZF? Welchen Nutzen ziehen Sie als Unternehmen und Sponsor aus dem Wettbewerb?

Bei der Formula Student sind wir begeistert, mit welcher Leidenschaft, Erfahrung und Professionalität die Studenten arbeiten. Es ist fantastisch zu erleben, wie hier eine neue Generation von Ingenieuren heranwächst. In den Projekten erlangen sie bereits wichtige Fähigkeiten, die ihnen den Einstieg in das Berufsleben relativ einfach machen. Bewerberinnen und Bewerber mit Erfahrung bei der Formula Student sehen wir daher sehr gerne. Bei ZF sind bereits viele ehemalige Teilnehmer eingestiegen und arbeiten an der Mobilität der Zukunft.

Wie ist ZF das Thema Digitalisierung intern angegangen, wie haben Sie sich auf den Wandel vorbereitet?

Bei ZF haben bereits vor vier Jahren den Wandel eingeleitet. Zu dieser Zeit haben wir die Strategie ZF 2025 ins Leben gerufen und entsprechende Maßnahmen erarbeitet. Diese werden konsequent und kontinuierlich umgesetzt. Ein großer Meilenstein in der Strategie war der Zukauf von TRW und weitere Schritte werden folgen.

Wie haben die Mitarbeiter reagiert und wo stehen Sie aktuell?

Digitalisierung bedeutet Wandel und Wandel bedeutet Veränderung. Menschen gehen sehr unterschiedlich mit Veränderungen um. Ein Unternehmen ist immer auch ein Querschnitt der Gesellschaft: Es gibt Menschen, die den Wandel direkt annehmen und sich auf diesen freuen. Andere sind eher zögerlich und benötigen ein wenig Zeit. Weitere werden den Wandel nicht annehmen. Das ist ein ganz normaler Prozess. Wir sind sehr froh, dass der allergrößte Teil unserer Mannschaft den Wandel angenommen hat und wir den Weg gemeinsam in die Zukunft gehen.

Wie sieht das Unternehmen ZF im Jahr 2025 aus?

Mit unserer Strategie ZF 2025 haben wir die strategischen Themenfelder besetzt. Das sind „Effizienz“, „Sicherheit“ und „Autonomes Fahren“. Wie hoch der Anteil an E-Fahrzeugen im Jahr 2025 sein wird, ist heute natürlich noch nicht sicher. Man kann viel, aber eben auch nicht alles planen. Daher gleichen wir unsere Strategie regelmäßig mit der aktuellen Situation ab. Auch wir als Konzern werden uns enorm weiterentwickeln und noch digitaler werden. Dennoch: Die Welt und unser Geschäft werden auch in zehn Jahren nach wie vor maßgeblich mechanisch sein – aber ausgestattet mit Intelligenz und vorbereitet für die hochvernetzte, automatisierte und elektrische Mobilität der Zukunft.

Wie sieht die Automobilität im Jahr 2025 aus?

Wir werden bis dahin keinen „Big Bang“ erleben. Die Weiterentwicklung der Mobilität ist eine rasante Evolution, aber keine Revolution. Auf jeden Fall ist die Elektromobilität auf dem Vormarsch. Das Thema wird ja auch von politischen Rahmenbedingungen wie der Reduzierung des CO2-Ausstoßes beeinflusst. Wir werden automatisiertes bis hin zum autonomen Fahren sehen und die Antriebe werden immer effizienter werden. Bei allem was technisch möglich ist, entscheidet am Ende des Tages aber immer noch der Kunde, der einen Nutzen erleben muss.

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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

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