Der lange Weg von assistiertem zum autonomen Fahren (1/2)

    [Blogtitel] Der lange Weg von assistiertem zum autonomen Fahren (1/2) [Beschreibung]Es scheint so, als wäre technologisch alles vorhanden und wir könnten morgen bereits vollständig autonom zu Fahren - aber der Weg ist länger als gewünscht. [Bildquelle] istock 466221676 [Bildbeschreibung] Das Bild zeigt eine Autobahn mit durchgezogenen weißen und roten Linien der Autos
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    Es scheint so, als wäre technologisch alles vorhanden und wir könnten morgen bereits vollständig autonom zu Fahren – aber der Weg ist länger als gewünscht. Der erste Teil des Artikels beschreibt die praktischen Erfahrungen heutiger, serienmäßig vorhandener Assistenz-Systeme. Der zweite Teil des Artikels beleuchtet allgemein das Thema autonomes Fahren in Bezug auf Technologie, Ethik und der Gesetzgebung.

    Ein Blick in die nahe autonome Zukunft

    Es ist 07:30 Uhr und ich bin bereit, in den Arbeitstag zu starten. Mit dem Smartphone bestelle ich mir über die App mein elektrisch betriebenes Robot-Taxi. Nur wenige Minuten später steht es vor der Tür. Ich steige ein und werde von einer freundlichen Stimme begrüßt. Ich nehme Platz und schon nimmt das Elektroauto geräuschlos seine Fahrt auf, während ich entspannt aktuelle Nachrichten auf meinem Tablet lese. Nach kurzer Zeit stoppt das Robot-Taxi vor der Arbeit, ich steige aus, starte entspannt in den Arbeitstag und freue mich bereits auf die erholsame autonome Heimfahrt am Abend. Das beschriebene Szenario hört sich nach weiter Zukunft an, aber das ist es nicht. Die Technologie ist heute sehr weit fortgeschritten. Im Bereich der Elektromobilität und des autonomen Fahrens beweisen Unternehmen wir TESLA und Google, was heute bereits machbar ist. Aber bis unsere Gesellschaft das autonome Fahren angenommen hat und die Rahmenbedingungen dafür geschaffen wurden, werden noch viele Jahre vergehen.

    Praxiserfahrung assistiertes Fahren

    Nach einem Jahr und mehr als 50.000 Kilometern Erfahrung mit dem assistierten Fahren in einem VW Passat sei an dieser Stelle ein kurzer Praxis-Bericht gestattet. Heutige Assistenz-Systeme beweisen bereits eindrucksvoll, was möglich ist und wohin die Reise geht. Das assistierte Fahren hat meine Fahrweise grundlegend verändert und sicherer gemacht. Die Veränderungen sind dabei auf unterschiedliche Art und Weise geschehen.

    Herausforderung Schilderwald

    Ein Kommentar einer älteren Beifahrerin auf der längeren Fahrt von Nürnberg nach Berlin machte es mir deutlich als sie sagte, dass sie es nicht mehr schaffen würde, Autobahn zu fahren. Das seien so viele Baustellen und so unendlich viele Verkehrsschilder. Damit hat sie sicherlich nicht ganz Unrecht. Teilweise sind es wirklich viele Schilder und man muss extrem wachsam unterwegs sein. Gerade die permanent wechselnden Änderungen der Geschwindigkeiten sind anstrengend. Es wird wohl schon jedem Mal passiert sein, dass er ein Schild übersehen hat.

    Zuverlässige Erkennung Höchstgeschwindigkeit

    Es ist bemerkenswert, mit welcher Genauigkeit heute bereits mit der Kamera die Geschwindigkeitsbegrenzungen erkannt werden. Es waren gefühlt unendliche Male, als mich das System mit einem freundlichen aber eindringlichen Piep-Ton gewarnt hat, dass ich die aktuelle Höchstgeschwindigkeit um mehr als 10 Km/h überschritten habe. Momente also, in denen ich ohne Assistenz-System die Änderung der Höchstgeschwindigkeit schlicht weg nicht mitbekommen hätte. Nun liegt es nur noch an mir, auf die Warnung zu reagieren und das Tempo zu reduzieren. An dieser Stelle hätte ich kein Problem damit, wenn das System das gleich auch eigenständig tun würde.

    Dauerhafter Tempomat

    Ich habe mir angewöhnt, permanent mit Tempomat zu fahren. Es wäre falsch wenn ich sagen würde, dass ich nicht auch mal gerne schnell auf der Autobahn fahre. Aber es ist einfach deutlich entspannter, nicht immer am Limit zu fahren. Die Gefahr, eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu übersehen und in eine Radarfalle zu geraten ist nicht unerheblich. Eine Geldstrafe wäre ärgerlich, Punkte in Flensburg schmerzlich und ein temporärer Führerscheinentzug eine Katastrophe.

    Mit dem Tempomat-Fahren sind aber völlig neue Erkenntnisse ans Tageslicht gekommen. Wie gerade beschrieben führt ein Fahren nach Vorschrift zu deutlich mehr Entspannung. Aber die Entspannung wich dann oftmals durch das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer. Ich packe das Thema „Höchstgeschwindigkeit“ jetzt mal ganz bewusst auf die Goldwaage. Was sagt da so eine Geschwindigkeitsbegrenzung aus? Du darfst hier nicht schneller als beispielsweise 120 Km/h fahren. Mal ganz ehrlich? Wer hält sich wirklich daran? Die Erfahrung zeigte, dass mehr oder weniger alle Fahrer etwa 10 bis 20 Km/h über der zulässigen Höchstgeschwindigkeit fahren.

    Für den Fall das man eventuell von einer Radarfalle abgelichtet wird, dann wäre eine mögliche Strafe nach Abzug der Toleranz ohne Schmerzen noch zahlbar. Das Risiko wird hier also ganz bewusst eingegangen. Richtig interessant wird es häufig in Baustellen, wenn die Geschwindigkeit auf 80 Km/h oder weniger beschränkt wird. Recht beängstigend sind dann oftmals LKW-Fahrer, die dann so dicht auffahren, bis man fast nicht mehr deren Scheinwerfer sieht. Aber nicht nur in der Baustelle wird einem dann klar signalisiert, dass man aktuell ein massives Verkehrshindernis darstellt.

    Mit dem richtigen Abstand

    Trotz nicht immer so entspannter Erlebnisse, die aus dem Fahren mit dem Tempomat entstanden sind, ist das Fahren rundherum sicher und sehr entspannt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Abstand. Ist der Abstands-Assistent auf den größtmöglichen Abstand eingestellt, dann sorgt das für zunächst ungläubiges Kopfschütteln. Der Abstand zum Vordermann ist gefühlt unendlich lang. Niemand auf der Autobahn hält so einen langen Abstand.

    Beobachtet man die realen Abstände der Fahrzeuge, die ohne Assistenz fahren, dann wird einem angst und bange. Die Größe und Leistungsfähigkeit der Autos verhalten sich umgekehrt proportional zum Abstand. Exakt an dieser Stelle wird einem eines deutlich – wie verantwortungslos die Autofahrer sind und wie sehr sie sich überschätzen. In 2015 sind auf Deutschlands Straßen 3.475 Menschen gestorben. Zu hohe Geschwindigkeit und zu dichtes Auffahren sind dabei die häufigsten Ursachen.

    Automatisiertes Bremsen

    Einen bestimmten Abstand zu halten ist eine normale Sache, zu der man schnell Vertrauen hat. Aber genau an der Stelle, wenn sich der Abstand verringert, fängt eine interessante Beobachtung an. Das Vertrauen in das Fahrzeug und die Technologie ist zu Beginn nicht wirklich vorhanden. Wann bremst das Auto endlich? Bremst es richtig? Fahren wir dem Vordermann nicht auf? Nach vielen automatisierten Bremseingriffen erhält man schrittweise Vertrauen in die Technologie, auch wenn das Vertrauen nicht zu 100% entsteht. Aber in vielen Situationen, beispielsweise beim permanenten Stop & Go auf der Autobahn mit regelmäßigem Bremsen und erneutem Anfahren lernt man die Technologie sehr schnell zu schätzen.

    Toter Winkel ade

    Jeder von uns hat mit ihm schon einmal Erfahrung gemacht – mit dem toten Winkel. Die seitlichen Sensoren tasten permanent ab, was seitlich des Fahrzeuges passiert. Nähert sich ein Objekt blinkt deutlich sichtbar im Außenspiegel ein Licht das klar signalisiert, dass ein Spurwechsel nicht möglich ist, da sich ein Fahrzeug nähert.

    In der Spur bleiben

    Der Assistent, der die Spur halten soll, hat einen bleibenden Eindruck bei vielen Mitfahrern hinterlassen. Es ist beeindruckend, wenn der Tempomat im Doppelpack mit dem Abstands-Assistent, das sogenannte Adaptive Cruise Control (ACC), eingestellt ist und das Auto nun eigenständig fährt. Die Geschwindigkeit wird wie der Abstand eingehalten und das Fahrzeug bleibt in der Spur. Das gibt einen kleinen Vorgeschmack auf die Dinge, die uns das in der Zukunft erwarten. In der Tat kann man nun die Hände vom Lenkrad lassen und das Auto steuert wie von Geisterhand automatisch. Leider hält der Zustand nur wenige Momente an. Dann meldet sich das Auto mit dem freundlichen Hinweis, die Hände wieder an das Lenkrad zu packen. Folgt man dieser Anweisung nicht ertönt ein Warnton. Anschließend kommt es zu einem kurzen ruckartigen Bremsen, das spätestens jetzt dem Fahrer signalisiert, dass hier etwas zu tun sein.

    Auf geraden, maximal leicht kurvigen Strecken funktioniert das alles wunderbar. Das System funktioniert oft – aber halt nicht immer. Es gibt viele Situationen, in den das System an Grenzen stößt. Bei starkem Schneefall hat man schlicht und einfach Pech gehabt, wenn der Sensor durch Schnee verdeckt wird und nicht mehr die Straße erkennt. Oftmals sind die Fahrbahnmarkierungen nicht mehr gut erkennbar, dann hat das System hier auch seine Schwierigkeiten. Bei Baustellen und temporären, gelben Markierungen steigt das System ebenfalls aus. Starke Kurven mag das System auch nicht wirklich. Alles in allem gibt es hier noch sehr viel Optimierungsbedarf.

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    //Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

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