Das Bild zeigt Stephan Kühn von BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN (Mitglied des Deutschen Bundestages)
Bildquelle: BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN

Im Rahmen der Kampagne „Bundestagswahl 2017. Was sagen die Parteien zum Thema Elektroauto?“ nimmt Stephan Kühn von BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN,  Mitglied des deutschen Bundestages und im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur, Stellung zum Thema Elektroauto.

Das Thema Elektroauto kommt in Deutschland nur sehr langsam in Schwung. Haben die deutschen Autofahrer kein Interesse elektrisch zu fahren?

Das Interesse der Autofahrer an der Elektromobilität ist auf jeden Fall vorhanden. Laut einer Umfrage im Auftrag des Bitkom können sich fast 70% vorstellen, ein Elektroauto zu kaufen. Dass viele es dennoch nicht tun, hat unterschiedliche Gründe. Bis heute fehlt ein dichtes Ladenetz wie in Norwegen und den Niederlanden. Um die Nutzerfreundlichkeit der Ladesäulen ist es wegen komplizierter Abrechnungsverfahren oft schlecht bestellt.

Hinzu kommt das noch karge Modellangebot der Autohersteller, denn erst jetzt kommen Fahrzeuge mit halbwegs wettbewerbsfähigen Reichweiten auf den Markt. Erfahrungen mit Elektrofahrzeugen können helfen, verbleibende Zweifel vor dem Kauf eines E-Autos auszuräumen. Deswegen müssen wir mit einer Beschaffungsoffensive für mehr Elektromobilität in öffentlichen Fuhrparks und Flotten sorgen. Denn wer beruflich gute Erfahrungen mit E-Autos macht, steigt auch eher privat auf die Elektromobilität um.

Was ist der Grund dafür, dass die deutschen Automobilhersteller das Thema Elektroauto nur zögerlich angehen?

Die Autoindustrie hat zu lange auf den fossilen Verbrennungsmotor gesetzt, weil man damit gutes Geld verdient hat. Statt den Strategiewechsel hin zur Elektromobilität einzuleiten, haben sich viele Hersteller auf den Erfolgen ausgeruht. Die Bundesregierung hat es ihrerseits versäumt, den Umstieg politisch und regulatorisch zu forcieren. Stattdessen hat sie mit steuerlichen Privilegien und einer mangelhaften Kontrolle von Abgaswerten dafür gesorgt, dass die Hersteller keine Notwendigkeit sahen, saubere und klimafreundliche Elektroautos herzustellen.

Doch die globalen Märkte entwickeln sich weiter: Dieselautos verkaufen sich nicht nur in Deutschland immer schlechter, sondern auch weltweit. Vor allem China, der größte Automarkt der Welt, setzt wegen der starken Luftbelastung auf Elektrofahrzeuge. Ich bin überzeugt: Spätestens Anfang der 2020er-Jahre wird in China kein Auto mit fossilem Verbrennungsmotor mehr eine Zulassung erhalten.

Seitens der Bundesregierung war die Kaufprämie ein Schritt, um das Thema Elektroauto anzukurbeln. Reicht das aus? Was fehlt?

Die Kaufprämie erweist sich bislang als Flop, denn es werden viel zu wenige Anträge gestellt. Das kann niemanden verwundern, denn die Kaufprämie ist unzureichend ausgestaltet. Der Zuschuss für reine batterieelektrische Fahrzeuge ist viel zu gering. Stattdessen fördert man auch Hybridfahrzeuge mit hohen Summen, obwohl der Umweltvorteil dieser überdurchschnittlich schweren Fahrzeuge oft fraglich ist. Überhaupt keine Förderung erhalten hingegen Elektro-Leichtfahrzeuge wie der Renault Twizy.

Teilweise kommt die Prämie noch nicht einmal vollständig bei den Kunden an, weil viele Händler im Gegenzug ihre bisherigen Rabatte kürzen. Darüber hinaus entfaltet die Förderung gar keine Lenkungswirkung. Statt Gelder aus dem Klimafonds zuzuschießen, hätte man die Prämie besser durch ein Bonus-Malus-System finanziert. Über eine Umlage bei der Kfz-Steuer würden dann solche Spritschlucker die Prämie finanzieren, deren CO2-Ausstoß oberhalb der europäischen Grenzwerte liegt.

Das Land der Dichter und Denker ist manchmal auch ein wenig das Land der Zweifler und Zögerlichen. Muss sich in der Kultur etwas ändern oder reicht es aus, wenn wir so weitermachen wie in der Vergangenheit?

In den nächsten zehn Jahren wird sich das Automobil stärker verändern als im letzten halben Jahrhundert. Wenn wir Arbeitsplätze in der Automobilindustrie in Deutschland erhalten wollen, dürfen wir nicht zugucken und nur reagieren. Die mittelständische Zulieferindustrie, die oftmals noch stark vom Verbrennungsmotor abhängig ist, muss dabei unterstützt werden, diese Transformation zu bewältigen.

Sie haben nur mit einer Innovationsführerschaft eine Chance, sich zu behaupten. Eine steuerliche Forschungsförderung kann dabei helfen. Auch der Knowhow-Transfer von den Hochschulen zu den Unternehmen sollte möglichst unbürokratisch gefördert werden.

Mit der Gigafactory baut TESLA seine eigene Batterie-Fabrik um den Bedarf von morgen und übermorgen zu befriedigen. Benötigen wir in Deutschland ebenfalls eine Batteriefabrik?

Unsere heutige Abhängigkeit von Erdöl dürfen wir nicht durch eine Abhängigkeit von Zellimporten ersetzen. Bis zu 40 Prozent der Wertschöpfung bei einem Elektrofahrzeug entfallen auf die Batterieproduktion. Die Hersteller müssen deshalb jetzt alles daran setzen, dass die Wertschöpfungskette vollständig in Deutschland abgebildet werden kann. Das gilt erst recht für die nächste Generation von Batteriezellen.

TESLA geht das Thema Elektromobilität neben der Produktion von Elektroautos mit dem Bau von Solaranlagen und Batterie-Speichern ganzheitlich an und ist viel mehr als nur ein reiner Automobilhersteller. Haben die deutschen Automobilhersteller darauf eine Antwort?

Die Umstellung der Produktion ist nicht das einzige Zukunftsthema für die Autoindustrie. Es wird künftig nicht mehr reichen, lediglich „Hardware-Lieferant“ für die Verbraucher zu sein. Stattdessen müssen sich Hersteller stärker als integrierte Energie- und Mobilitätsdienstleister verstehen. Damit können sie nicht nur auf das geänderte Mobilitätsverhalten reagieren, sondern auch neue Geschäftsfelder erschließen, die durch die Kopplung von Strom- und Verkehrssektor entstehen.

Mit dem Start des TESLA Modell 3 könnte das Volks-Elektroauto aus den USA und nicht aus Deutschland kommen. Bereitet Ihnen das Sorge?

Tatsächlich hat TESLA einen erstaunlichen Aufstieg geschafft, weil der Hersteller von Anfang an mutig auf reine Batteriefahrzeuge gesetzt hat. Auch den Aufbau der Ladeinfrastruktur ist TESLA selber angegangen, anstatt auf staatliche Förderung zu warten. Auch mit dem Fahrzeugdesign hat es TESLA geschafft, Elektromobilität attraktiv zu machen, Emotionen zu wecken und Autofahrer vom Umstieg zu überzeugen. Davon zeugen auch die 500.000 Vorbestellungen für das neue Modell 3, von denen deutsche Hersteller bislang nur träumen können.

Das Engagement einiger deutscher Hersteller zeigt aber, dass TESLA kein uneinholbarer Konkurrent ist. Mit höheren Reichweiten, bezahlbaren Preisen und eigenem Engagement beim Aufbau der Ladeinfrastruktur kann es deutschen Herstellern gelingen, sich als echte Alternative zu TESLA zu positionieren.

Neben TESLA in den USA geben die auch die Chinesen u.a. mit BYD Vollgas beim Thema Elektroauto. Wird die Autonation Deutschland gerade von den Amerikanern und Chinesen abgehängt?

Die Einschätzung, dass die deutschen Automobilhersteller abgehängt werden könnten, teile ich so nicht. Doch es besteht die Gefahr, dass sie wesentliche Marktanteile verlieren. China hat die industriepolitische Bedeutung der Elektromobilität erkannt und gibt mittlerweile immer stärker den Takt an. In Deutschland versuchen Bundesregierung und Autohersteller hingegen, den Diesel reinzuwaschen und zu einer zweiten Zukunft zu verhelfen.

Nur wenn sich deutsche Autobauer mit konkurrenzfähigen Elektrofahrzeugen gegen die internationalen Wettbewerber durchsetzen können und sich nicht länger auf ihren Erfolgen mit dem fossilen Verbrennungsmotor ausruhen, haben deutsche Autos auf dem Weltmarkt eine Zukunft.

Google und TESLA demonstrieren, dass das autonome Fahren technologisch weit fortgeschritten ist. Wann sehen wir autonom fahrende Autos auf deutschen Straßen? Was muss noch getan werden?

Automatisiertes Fahren werden wir zuerst auf der Autobahn sehen. Mit entsprechenden Komfortfunktionen können Fahrzeuge den Fahrer stellenweise entlasten und bestimmte Fahrsituationen eigenständig übernehmen. Bis wir automatisierte oder gar autonome Fahrzeuge auch in der Stadt nutzen können, wird es jedoch noch eine Weile dauern. Autopiloten müssen noch ein ganzes Stück weiterentwickelt werden, um komplexe Verkehrssituationen im innerstädtischen Bereich zuverlässig meistern zu können.

Doch technologische Fragen werden nicht alleine über den Erfolg des automatisierten und autonomen Fahrens entscheiden. Notwendig ist auch die Akzeptanz durch die anderen Verkehrsteilnehmer und die Nutzer selbst. Mit seinem Gesetz zum automatisierten Fahren, das Ende März im Bundestag beschlossen wurde, wird es Verkehrsminister Dobrindt jedoch nicht gelingen, die Verbraucher vom automatisierten Fahren zu überzeugen. Das Gesetz lässt völlig offen, was der Fahrer bedenkenlos tun darf, während der Computer das Auto lenkt.

Und trotz der Ankündigung des Ministers, Mensch und Computer gleichzustellen, haftet bei einem Unfall durch den Autopiloten weiterhin der Halter und nicht der Hersteller. So schafft der Minister keine Rechtssicherheit für die Verbraucher.

Was wären Ihre wichtigsten Maßnahmen, um das Thema Elektroauto in Deutschland anzuschieben?

Die Bundesregierung muss Förderung und Ordnungsrahmen endlich konsequent auf die Elektromobilität ausrichten. Zunächst brauchen wir eine Beschaffungsoffensive für öffentliche Fuhrparks und eine stärkere Förderung für die Umstellung weiterer Flotten, beispielsweise beim Carsharing. Mit anspruchsvollen CO2-Grenzwerten und einem Ende der Dieselprivilegien müssen wir auch den ordnungsrechtlichen Rahmen im Sinne der Elektromobilität modernisieren.

Und letztlich müssen wir über den Privat-Pkw hinausdenken und elektrische Antriebe auch bei Elektrobussen, Nutzfahrzeugen und Fahrrädern unterstützen. Ohnehin wird die Mobilität der Zukunft stärker vom Wechsel der Verkehrsträger geprägt sein, sodass die Förderung der Elektromobilität nur ein Baustein der Verkehrswende sein wird.

Weitere Informationen:

Bildquelle: BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Anzahl Zeichen: 9.758

Summary
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und das Elektroauto (Interview)
Titel
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und das Elektroauto (Interview)
Beschreibung
Im Interview nimmt Stephan Kühn von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Mitglied des deutschen Bundestages) Stellung zum Thema Elektroauto.
Autor
Veröffentlicht durch
Ingenieurversteher
Logo

Teilen
Vorheriger ArtikelDIE LINKE und das Thema Elektroauto (Interview)
Nächster ArtikelDie FDP und das Thema Elektroauto (Interview)

//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.

Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.

Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.

Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.

Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here