Das Bild zeigt Kurt Sigl, Präsident vom Bundesverband Elektromobilität (BEM) im Interview zum Thema Elektroauto und Elektromobilität
Bildquelle: Bundesverband Elektromobilität (BEM)

Im Interview nimmt Kurt Sigl, Präsident vom Bundesverband Elektromobilität (BEM), Stellung zu den Themen Diesel, Elektroauto und Elektromobilität.

Wie haben Sie die Ergebnisse vom Dieselgipfel wahrgenommen?

Lassen Sie es mich es so formulieren – es wurde von Drecksschleudern auf dreckige Autos umgestellt. Anders formuliert – es ist nichts passiert und das Treffen war eine sinnfreie Veranstaltung. Ich frage mich, wo war Frau Merkel und Herr Schulz bei dieser Veranstaltung, die jetzt plötzlich zwei Wochen im Wahlkampf anfangen, das Thema aufzuwerten. Ja und es ist wieder eine eindeutig vom Verband der Deutschen Autoindustrie (VDA) diktierte Veranstaltung gewesen.

Was muss nun passieren?

Die deutschen Autohersteller nutzen den Dieselgipfel dazu, um ihre Fahrzeuge, die auf dem Hof stehen, loszuwerden. Aber mit der neuen Legislaturperiode muss die neue Regierung, wie immer die auch aussehen mag, sich vom VDA trennen und neue Fachgremien zum Thema Elektromobilität ins Leben rufen. Der VDA hat keinerlei Interesse am Weg hin zu einer neuen Elektromobilität. Wir brauchen ein neues Denken und müssen Energie und Mobilität verbinden.

Sehen Sie aktuell, dass wir eine klare Strategie haben?

Das ist genau unsere Rede seit mehr als vier, fünf Jahren. Wir sehen überhaupt keine Strategie, wir sehen überhaupt keinen Masterplan zu dieser Thematik. Es geht nicht darum, dass wir ein paar Arbeitsplätze verlieren. Wenn wir nicht jetzt aktiv werden, dann werden wir alle verlieren. Ich habe den Eindruck, dass die Politik nicht erkennt, was weltweit im Moment gerade passiert.

Ist der Elektromotor DIE Technologie oder sehen Sie Alternativen?

Wir betrachten das Thema sehr technologieoffen. Es stehen natürlich bei uns klar der Akku und der reine elektrifizierte Antrieb im Mittelpunkt. Und da hätten wir ja schon mal sehr viel, könnte man schon viel erreichen, wenn man mal anfangen würde, die 11 Millionen Zweit- und Drittfahrzeuge in Deutschland umzurüsten, die durchschnittlich 27 Kilometer täglich fahren. An dieser Stellen haben wir nämlich kein Reichweitenproblem. Wir sehen aber auch Technologieoffenheit darin gegeben, dass man sagt, man muss sich weiterhin mit der Brennstoffzelle beschäftigen. Allerdings ist im Moment Stand der Dinge die Brennstoffzelle vom Akku überholt worden.

Was sagen Sie zu den elektromobilen Keimzellen eGo oder dem Streetscooter aus Aachen?

Ich sehe die Entwicklungen extrem positiv. Die Deutsche Post ist ja auf die Automobil-Industrie zugegangen. Diese hatte aber nicht wirklich Interesse daran. Auf meine Empfehlung hin ist die Deutsche Post dann nach Aachen zur RWTH gegangen. Es freut mich sehr zu sehen, wie erfolgreich dieser Weg gegangen wurde. Nun sind die Automobilhersteller wachrüttelt worden – Daimler möchte einsteigen und plötzlich wird man auch bei VW munter.

Bei eGo sieht es ganz ähnlich aus. Dort ist ja auch Bosch mit dem Antrieb im Boot. Es freut uns natürlich, dass nun auch Bosch bei uns Mitglied im Verband ist. Bosch geht das Thema Elektromobilität aus verschiedenen Blickrichtungen an, wie beispielsweise auch das Roller-Sharing. Das sind genau die Themen, die den Verkehr entlasten und uns saubere und emissionsfreie Innenstädte ermöglichen. Wir wissen ja wie hoch der Schadstoffausstoß gerade beim Diesel im Kurzstreckenbetrieb ist.

Sind unsere Automobilhersteller noch innovativ?

Nein, das sind sie nicht. Ich kann Ihnen aber sagen, wer innovativ ist. Das sind die Entwickler in der deutschen Zulieferindustrie. Dort findet die Innovation statt – nicht in den großen Unternehmen. Ein wenig überspitzt formuliert würde ich sagen, dass die einzigen Innovationen in den letzten Jahren bei der LED-Technik im Blinker entstanden sind.

Hat die deutsche Automobil-Industrie jetzt die Leidenschaft zum Elektroauto entdeckt?

Wissen Sie, ich durfte in einem Unternehmen arbeiten, das in den 1980zigern und 1990zigern für Innovationen stand. Aber der Vorsprung durch Technik ist weg – in den letzten fünfzehn Jahren ist außer dem bereits erwähnten LED-Blinker nichts weiter passiert. Aber das ist symptomatisch für die gesamte Branche. Wenn der Erfolg zu groß wird, dann tritt eine gewisse Trägheit und Überheblichkeit ein.

Wie nehmen Sie die Kultur der Konzernlenker wahr?

Es ist gar keine Kultur, das sind Söldner, die angeheuert werden, um für die Aktionäre den höchstmöglichen Gewinn zu erwirtschaften. Ein Interesse an Moral und Ethik oder dem Mitarbeiter besteht nicht. Das sieht glücklicherweise im Mittelstand ganz anders aus. Die Konzernlenker müssen keine Verantwortung übernehmen. Außerdem sind sie durch entsprechende Versicherungen abgesichert.

Daher werden wir es auch nicht erleben, dass die Herren aus der Konzernführung auch nur einen Fehler zugeben werden – sonst zahlt die Versicherung ja nicht. Das ist die Realität, jeder kleine Unternehmer und Mittelständler kämpft für seine Mitarbeiter, die Arbeitsplätze und das am Monatsende die Löhne bezahlt werden können. Hier findet noch echte Wertschätzung statt. Das was in der Automobilindustrie passiert ist eine moderne Art von Sklaventum, geleitet von Söldnern.

Wie wird sich die Automobilindustrie in den kommenden Jahren entwickeln?

Wir werden tiefe Einschnitte sehen. Aber wir werden diese verkraften. Weder USA noch China wollten jemals den Diesel haben. Der wurde Ihnen von VW aufgeschwatzt. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die Elektromobilität hat man verschlafen. Die Industrie hat aktuell einen Rückstand von drei bis eher fünf Jahren.

Ab dem kommenden Jahr werden wir die Einschnitte spüren. Dann wird die Aufholjagd, wenn man es denn begriffen hat, richtig beginnen. Dennoch werden wir mit Sicherheit 20-25% der Arbeitsplätze verlieren. Andernfalls werden wir alle verlieren, das kennen wir ja von anderen Branchen.

Was sagen Sie generell zum Thema Fahrverbote?

Mein Problem liegt in der Darstellung. Es wird immer von generellen Fahrverboten gesprochen. Da ist nichts generell. Das sind punktuelle Fahrverbote – nämlich nur dann, Grenzwerte so stark überschritten werden, dass es eben nicht mehr geht. Also grundsätzlich unterstütze ich ein Fahrverbot, aber wirklich nur punktuell, wenn es nicht anders geht.

Ansonsten wird das Problem auf Kosten des kleinen Mannes ausgetragen. Vielmehr sollte man jetzt Ziele setzen, die sich andere Länder längst gesetzt haben, die beispielsweise ab 2030 aus dem Verbrenner aussteigen. Ein Autoleben dauert im Durchschnitt 17 Jahre. Wenn wir ab heute rechnen, dann wäre 2030 ein durchaus angebrachtes Ziel

Brauchen wir jetzt eine gemeinsame Vision?

Auf alle Fälle benötigen wir jetzt einen gemeinsamen Masterplan. Hierfür haben wir jetzt schon mal ein politisches Papier vorbereitet. In der Politik muss es jetzt in erster Linie darum gehen, dass die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Leider ist dazu in der aktuellen Legislaturperiode zu wenig passiert. Mit dem eGo haben wir jetzt

  • kleine,
  • preiswerte,
  • attraktive und
  • bezahlbare Autos

für den innerstädtischen Verkehr. Innovationen müssen nun stärker gefördert werden. An dieser Stelle meine ich aber nicht, weiter Geld in die großen Automobilhersteller zu stecken. Die förderungswürdigen Innovationen wie

  • eGo,
  • Streetscooter und
  • Sion

müssen einfach eine bessere Förderung erfahren. Es fehlt uns an einer Gründerkultur, an einer StartUp Förderungskultur, die es in Kalifornien, Korea oder China gibt. Es gibt kaum Geld für junge innovative Unternehmen, aber genau da muss das Geld hin.

Kommt jetzt die Elektromobilität in Schwung kommen oder ist es nur ein Strohfeuer?

Also ich sehe es im Moment noch nicht so. Allerdings sehen wir, dass die Städte durch die Fahrverbote inzwischen sehr sensibel geworden sind. Die Kommunen machen sich massiv Gedanken über die Gestaltung der Zukunft. Dazu gehört, dass unter anderem nicht heute noch Dieselbusse in die Ausschreibungen auftauchen.

Dann fahren wir 2030 immer noch Dieselbusse in unseren Städten. Wir müssten jetzt in verschiedenen Bereichen Akzente setzen. Der Druck auf dem Kessel ist groß und wird größer. TESLA fährt die Produktion vom Model 3 hoch und auch Firmen wie Hyundai und KIA setzen jetzt massiv auf Elektromobilität. Meine Sorge ist, dass wir die Rahmenbedingungen nicht entsprechend schaffen.

Aktuell scheitern wir im Moment an ganz banalen Dingen. Wenn sie heute in einer Wohngemeinschaft, die über entsprechende Parkplätze verfügt, wohnen, dann ist es derzeit nicht möglich, eine Ladeinfrastruktur zu installieren. Hier müssen dringend die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Aber auch außerhalb der Wohngemeinschaft muss eine Ladeinfrastruktur auf der öffentlichen Straße geschaffen werden. In London funktioniert das heute schon und bei uns tut man so, als ginge das nicht. Die Ladeinfrastruktur muss auch wesentlich intelligenter werden. Alles das gilt es jetzt, zu berücksichtigen und in Rahmenbedingungen zu bringen. Aber es macht mir großen Mut, wenn ich die Elektromobilität fernab des Autos betrachte.

Der Erfolg vom E-Bike ist ein schönes Beispiel. Vor etwa zehn Jahren wurde das E-Bike noch belächelt. Vor langer Zeit hat man mit 50.000 E-Bikes pro Jahr verkauft. Nun sind 3 Mio. E-Bikes auf den Straßen unterwegs und es werden 650.000 E-Bikes jährlich verkauft.

Brauchen wir Manager wie einen Elon Musk?

Gott sei Dank haben wir ja solche Leute wie den Laurien Hahn von Sono Motors oder den Prof. Schuh von eGo. Nur fehlt es den genannten Unternehmen an Unterstützung. Elon Musk war in einer sehr komfortablen Ausgangssituation. Mit Paypal hat er viel Geld verdient, dass er eine gute Basis hatte, sich am Anfang selber zu finanzieren.

Aus dem nichts etwas auf die Beine zu stellen ist eine große Herausforderung. Hier wird wesentlich mehr Unterstützung benötigt, um die Entwicklung und Produktion zu starten. Die Autoindustrie spricht immer davon, dass man für eine neue Serie 6 Milliarden EUR benötigt. Wie wir sehen geht es auch anders. Es geht auch anders, nur ist das unheimlich anstrengend und langwierig.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich möchte 2020 1 Millionen Elektroautos auf Deutschlands Straßen sehen. Wir gehen davon aus, dass diese Zahl noch erreicht werden kann. Die nächsten zwei bis drei Jahre wird sich die Entwicklung der Zulassungszahlen exponentiell entwickeln. Mein Wunsch an die neue Regierung wäre, nun endlich ressortübergreifend am Thema Energie und Mobilität zu arbeiten.

Weitere Informationen:

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Von Dreckschleudern und sinnfreien Veranstaltungen (Interview)
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Von Dreckschleudern und sinnfreien Veranstaltungen (Interview)
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Im Interview nimmt Kurt Sigl, Präsident vom Bundesverband Elektromobilität (BEM) Stellung zu den Themen Diesel, Elektroauto und Elektromobilität.
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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

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