Das Bild zeigt die Logos der Parteien aus dem Bundestag der Legislaturperiode 2017-2021
Bildquelle: Ingenieurversteher

In wenigen Tagen ist es soweit und dann steht die wichtige Bundestagswahl 2017 an. Viele sind sich einig, dass es wohl eine wichtige und für unser Land richtungsweisende Wahl ist. Ich konnte glücklicherweise alle Spitzenkandidaten größtenteils in Nürnberg live sehen.

Angela Merkel routiniert

Mein persönlicher Wahlkampf Marathon wurde mit Angela Merkel in Erlangen eröffnet. Eines muss man Angela Merkel lassen – sie macht das richtig gut. Sie strahlt eine Kompetenz kombiniert mit Vertrauen aus.

Man hat den Eindruck, dass sie mit ihrer sachlichen, teilweise emotionslosen und unaufgeregten Art und Weise, den Überblick über alle Themen hat. In Ihrer Rede wurden viele unterschiedliche Themen tangiert.

Asyl und Diesel waren Schwerpunkte, aber auch außenpolitische Themen, Bildung und innere Sicherheit wurden vorgetragen. In wenigen Sätzen ging es auch um die Digitalisierung. Sicherlich ging sie mehr auf dieses Thema ein als beim Kanzler-Duell.

Aber zu keinem Zeitpunkt vermittelte sie glaubhaft das Gefühl, mit Leidenschaft hinter diesem so wichtigen Thema zu stehen. So endete der Auftritt mit dem Gefühl, dass ja eigentlich alles gut ist und wir in der nächsten Legislaturperiode dort weiter machen, wo wir in dieser aufgehört haben.

Alice Weidel schockiert

Leider kam ich nicht in den Genuss, Alice Weidel in Nürnberg zu erleben. Die Veranstaltung von Herrn Gauland passte nicht in meinen Kalender. So musste ich in die tiefste bayerische Provinz nach Wolznach reisen.

Mein Umfeld fragte mehrfach, ob das mein ernst wäre, zu Frau Weidel zu gehen. Aber wenn ich mir ein Bild machen möchte, dann doch bitte auch von allen Parteien, die nach dem 24.9.17 mit großer Wahrscheinlichkeit Mitglied des neuen Bundestages sind.

Aber das, was ich in Wolznach erlebt habe, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Es war ein wenig Bierzelt Atmosphäre und ich hatte den Eindruck, dass hier gerade ein Reiseveranstalter den Bus mit den Ü60-Teilnehmern zu einem Special-Event abgesetzt wurde.

Heizdecken wurden nicht verkauft. Zu mindestens habe ich davon nichts gesehen. Aber überrascht hätte es mich nicht. Eine geglückte Überraschung war auf jeden Fall der Einmarsch der Gladiatorin, Verzeihung, von Frau Weidel, mit einer bayerischen Fahne und zünftiger Marschmusik.

Bei Weißbier und Schweinsbraten lauschten die Menschen der guten Frau Weidel in geselliger Runde. Ich fand die Rhetorik von Frau Weidel ja schon bemerkenswert. Fortlaufend versuchte Sie, das weibliche Pendant zu Herrn Höcke zu sein – was ihr allerdings dauerhaft misslang.

Inhaltlich hatte die gute Frau natürlich nur ein Thema. Trotz Ihrer mittelmäßigen Rhetorik war es erschreckend, in welcher Art und Weise hier Hetze durchgeführt wurde. Wenn man die Worte „Syrer“ mit „Juden“ ausgetauscht hätte, dann würde man feststellen, dass es solche Reden in der jüngeren deutschen Geschichte schon einmal gab.

Es war erschreckend wie schockierend. Besonders erschreckend allerdings war die Ü60-Reisegruppe, die Frau Weidel mit tosendem Applaus verabschiedete. Das Thema Digitalisierung war natürlich komplette Fehlanzeige. So endete der Abend mit einem unbehaglichen Gefühl, dass in unserem Land gerade etwas gehörig falsch läuft.

Cem Özdemir überrascht

Manchmal passen Dinge einfach gut zusammen. Die Lokation im Herzen der Nürnberger Altstadt war ebenso wie das Wetter wunderbar. Nach Angela und Alice war hier einfach alles anders. Kein vermummter Grenzschutz, keine Ü60-Reisetruppe.

Hier saßen überwiegend junge Menschen – nein, nicht auf Stühlen oder Bänken, auf dem Boden. Im Zentrum stand eine kleine Plattform auf die sich Cem Özdemir stellte. Und er spulte nicht ein Standardprogramm herunter.

Er war nur dafür da, unterschiedlichste Fragen zu beantworten. Die Art und Weise des gesamten Paketes inkl. des Vortrages von Cem Özdemir war überraschend, mitreißend und motivierend. Natürlich standen Umweltthemen im Zentrum, aber es wurde auch viel über Bildung, Wandel sowie Außenpolitik gesprochen.

Tierhaltung und Landschaftspolitik standen ebenso auf der Agenda. Gerade zum Verhältnis zur Türkei hat Cem sehr klare und deutliche Worte gefunden. Auch wenn das Thema Digitalisierung nicht unbedingt sein Kernthema war, so hat er dennoch vermittelt, dass wir vor großen Herausforderungen stehen und wir den Wandel annehmen und angehen müssen.

Martin Schulz kämpft

Nach dem Kanzler-Duell hat mir Martin Schulz schon ein wenig leidgetan. Der Auftritt ging irgendwie komplett in die Hose. Das Duell war in Wirklichkeit kein Duell. Es war mehr von Harmonie als von Auseinandersetzung geprägt. Umso schöner war es, Martin Schulz in Mainz kämpfen zu sehen.

Die Art und Weise hat einen schon mitgerissen. Hier konnte er seinen durchaus vorhanden rhetorischen Stärken voll ausspielen. Das Thema Gerechtigkeit war natürlich sein zentrales Thema und damit eng verbunden Arbeit, Familie und Bildung.

Neben der Außenpolitik mit Spitzen zu Herrn Trump und Herrn Erdogan wurde natürlich auch über das Thema Digitalisierung gesprochen. Aber ähnlich wie bei Frau Merkel und fast allen Spitzenkandidaten hörte sich das nach auswendig gelerntem Bullshit-Bingo an. Da stand jemand, den ich aufgrund seiner Leistung durchaus schätze, dem ich aber in keiner Weise Digitalkompetenz abnehme.

Sarah Wagenknecht beeindruckt

Mit Sarah Wagenknecht kam eine Partei nach Bayern, wo ich eigentlich dachte, dass die Veranstaltung mangels Teilnehmer abgesagt werde würde. Das war aber überhaupt nicht der Fall. Der Platz in der Nürnberger Altstadt war brechend voll.

Spätestens hier hat mich fasziniert, wie unterschiedlich die Menschen bei den einzelnen Veranstaltungen waren. Ähnlich wie Martin Schulz ging es natürlich auch bei Sarah Wagenknecht um Gerechtigkeit und die Themen Arbeit, Familie und Vermögen.

Sarah Wagenknecht stand zwar nicht wie Cem Özdemir in der Mitte und führte eine Q&A Veranstaltung durch, aber sie überzeugte durch freie Rede mit einem hohen Maß an Faktenwissen. Zentrale Botschaften waren Mindestlohn, Vermögenssteuer und das Einstellen von Waffenexporten. Aber das war es dann auch mit den Themen – auch hier war digitale Fehlanzeige.

Christian Lindner brilliert

Was für ein Kontrast zum Publikum bei Sarah Wagenknecht oder Cem Özdemir. Wenn man es vorher nicht gewusst hätte, dass die FDP eine wirtschaftsnahe Partei ist, dann hätte man es spätestens auf der Veranstaltung gesehen.

Ähnlich wie Cem Özdemir stand Christian Lindner ebenfalls im Zentrum seiner Zuhörer. Auch er brillierte mit freier Rede. Auch wenn viele Floskeln brav auswendig gelernt waren, so überzeugte er ebenfalls stellenweise mit Witz, auf jeden Fall mit spitzen Bemerkungen.

Christian Lindner ließ an den anderen Parteien kein gutes Haar und positionierte seine Partei als die, mit der nur ein Wechsel möglich sei. Bildung war eines seiner zentralen Themen. Anders als bei den anderen Parteien hatte man bei Christian Lindner eher das Gefühl, dass er das Thema Digitalisierung versteht und auch lebt. Die sozialen Medien hat er für den Wahlkampf intensiv genutzt und war dort auch sehr präsent.

Was bleibt übrig?

Es war eine wertvolle und interessante Zeit, die Spitzenkandidaten live zu erleben. Ja, Politik ist mehr als nur Digitalisierung. Ja, jede Partei hat seine Schwerpunkte. Jeder Kandidat hat sich, seine Partei und die primären Themen gut verkauft.

Es ist allerdings erschreckend, dass es keine Partei geschafft hat den Eindruck zu vermitteln, dass die Digitalisierung ein großer Tsunami ist, der das auf uns zukommt. Ich hatte zu keiner Zeit den Eindruck, dass hier die Botschaft vermittelt wurde, dass ein Ruck durch unser Land gehen muss.

Vielleicht hat es Sarah Wagenknecht gut auf den Punkt gebracht. Sie merkte an, dass sie sehr wohl daran glaubt, dass wir eine hohe Wechselbereitschaft in Deutschland haben. Allerdings finden sich die meisten Wähler wohl damit ab, dass die CDU wie ein Fels in der Brandung steht.

Die möglichen Optionen, sofern wir kommenden Sonntag nicht eine große Überraschung erleben werden, sind wohl eher übersichtlich. Oberflächlich betrachtet geht es uns sehr gut und die Indikatoren wie

  • geringe Arbeitslosigkeit,
  • gutes Wirtschaftswachstum und
  • ausgeglichener Haushalt

sehen wunderbar aus. Aber ich glaube, dass ich die trügerische Ruhe vor dem Sturm. Es geht alles – nur nicht ein weiter so wie bisher.

Mein Wunschzettel

Die Digitalisierung verändert die Spielregeln im Markt nachhaltig. Ich wünsche mir für unser Land

  • Motivation sich auf neue Themen der Zukunft einzulassen und fortlaufend zu bilden,
  • Mut neue Wege zu gehen und auch Scheitern zu können,
  • Demut und Dankbarkeit in einem wunderbaren Land leben zu dürfen,
  • Respekt und Toleranz für andere Meinungen und Menschen.

Wir müssen uns vor niemanden in der Welt verstecken – nicht vor dem Silicon Valley oder China. Aber das Statement von unserem alten Bundespräsidenten Roman Herzog ist wohl aktueller denn je:

„Es muss ein Ruck durch unser Land gehen.“

So bleibt nichts weiter übrig, am Sonntag um 18:00 Uhr auf die erste Prognose zu schauen um dann vielleicht festzustellen, dass wir mit der großen Koalition bis 2021 einfach weiter machen wie bisher – oder eben auch nicht.

Lassen wir uns überraschen, weiter an dieses wunderbare Land glauben und jeden Tag persönlich einen kleinen Beitrag für die erfolgreiche Gestaltung unserer digitalen Zukunft leisten.

Weitere Informationen:

Bildquelle: Ingenieurversteher

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Summary
Bundestagswahl 2017 - Die Spitzenkandidaten live erlebt
Titel
Bundestagswahl 2017 - Die Spitzenkandidaten live erlebt
Beschreibung
In wenigen Tagen ist es soweit und dann steht die wichtige Bundestagswahl 2017 an. Eine Chance sich alle Spitzenkandidaten live sehen.
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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.

Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.

Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.

Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.

Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.

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