Mit dem TÜV SÜD in eine sichere Industrie 4.0 Welt (Interview)

[Blogtitel] Mit dem TÜV Süd in eine sichere Industrie 4.0 Welt [Beschreibung] In dem Interview reflektiert Michael Pfeifer, Mitglied Smart Manufacturing Council, TÜV SÜD AG, die Sichtweise vom TÜV SÜD in Bezug auf Industrie 4.0 und die Zusammenarbeit mit der SmartFactory-KL. [Bildquelle] TÜV SÜD AG [Bildbeschreibung] Das Bild zeigt Michael Pfeifer, Mitglied Smart Manufacturing Council, TÜV SÜD AG.
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In dem Interview reflektiert Michael Pfeifer, Mitglied Smart Manufacturing Council, TÜV SÜD AG, die Sichtweise vom TÜV SÜD in Bezug auf Industrie 4.0 und die Zusammenarbeit mit der SmartFactory-KL.

Sehen Sie den Schritt in die digitale Welt der Industrie 4.0 als Evolution oder eher als Revolution?

Gemäß Duden definiert sich „Evolution“ als „langsame, bruchlos fortschreitende Entwicklung“ und „Revolution“ als „verdrängende, grundlegende Neuerung“. Mit Blick auf die klassische Fertigung und die Neuerungen durch Industrie 4.0 ist festzustellen, dass es digitale Fertigungsplanungstools oder Vernetzung von Maschinen bereits vor der Einführung des Begriffes Industrie 4.0 gab. Heute verstehen wir unter Industrie 4.0 teilweise neue Technologien und Arbeitsweisen, aber auch Aspekte, die vielleicht noch nicht überall implementiert, aber als bekannt und als nicht neu zu bewerten sind.

Demnach handelt es sich bei Industrie 4.0 um eine kontinuierliche sowie logische Fortentwicklung entsprechend dem technischen Fortschritt. Einen Umbruch oder eine grundlegende Neuerung, die der Begriff „Revolution“ erfordert, ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Taucht man jedoch tiefer in das Thema Industrie 4.0 ein, stößt man auf neue Herausforderungen. Als Beispiel werden zwei Auszüge aus dem Smart Factory-KL Whitepaper „Safety an modularen Maschinen“ vom April 2018 herangezogen:

„Um bereits heute die Modularität einer Anlage, beispielsweise für Serienmaschinen, zu ermöglichen, werden alle möglichen Varianten/Konfigurationen betrachtet, bewertet und validiert. Dies setzt voraus, dass alle Module, deren sicherheitstechnische Eigenschaften bekannt sind, und das Vorgehen, wie auch die Ergebnisse, durch einen Verantwortlichen dokumentiert und validiert werden. Dieses Vorgehen ist für modulare I4.0-Anlagen nur bedingt zielführend. Durch die sich ständig ändernden Technologien und die Forderung nach Losgröße 1, kann vorab nicht abgeschätzt werden, welche Anlagenkonfigurationen in der Zukunft benötigt werden.“

„Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass die Steigerung der Flexibilität und die Modularisierung der Produktionsanlagen zwar vielen der angesprochenen neuen Anforderungen an die industrielle Fertigung Genüge tun, jedoch im Bereich der Safety neue Probleme hervorrufen. Um die existierenden Anforderungen an die Safety industrieller Anlagen zu erfüllen – unabhängig davon, welche Maschinen-Typen verwendet werden – werden neue, adaptive Safety-Konzepte notwendig.“

Eine mögliche Antwort auf diese Herausforderungen ist „Smart Safety“. Die dahinterstehenden und bisher erarbeiteten Konzepte stellen eindeutig eine grundlegende Neuerung dar, so dass man hier von einer Revolution sprechen kann. Damit enthält Industrie 4.0 sowohl evolutionäre, als auch revolutionäre Aspekte.

Wo stehen wir mit dem Thema Industrie 4.0 in Deutschland, gerade mit Blick auf die starken Wettbewerber aus Amerika und China?

Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Nehmen wir als Beispiel die Automobilindustrie. Würde ein Automobilhersteller einen technologischen Unterschied zwischen einem Werk in Europa oder USA oder China machen? Ein Kunde erwartet das bestellte Model in der erwarteten Beschaffenheit, egal wo der Pkw gefertigt wurde. Ein anderer Aspekt ist die heutige Modell- und Variantenvielfalt. Diese kann nur mit modernen Anlagen kosteneffizient gehandelt werden. D.h. bei weltweit agierenden Firmen wird man kaum Unterschiede zwischen Standorten mit vergleichbaren Aufgaben feststellen.

Anders ist die Situation bei mittelständischen Unternehmen, die lokal produzieren, aber ihre Produkte international vertreiben. Aber auch hier ist eine pauschale Aussage kaum möglich. Ein Unternehmen im internationalen Wettbewerb mit hohen Lohn-, Energie- und Grundkosten muss sich sicher mehr Gedanken über den effizienten Ressourceneinsatz und damit über Industrie 4.0 machen.

Sehr interessante sowie starke Innovationen und Forschungen, aber auch konkrete Pilotprojekte gibt es nicht nur in den USA oder in China, sondern auch in Deutschland. Welches Land am Ende die Nase vorne hat, hängt aber nicht nur von den einzelnen Innovationen ab. Die Innovationen müssen den Unternehmen einen wirklichen Wettbewerbsvorteil bieten und zudem anforderungsgerecht umgesetzt werden, was leider nicht immer der Fall ist. Mit Blick auf konkrete Projekte in den drei genannten Ländern stellen wir fest, dass die Innovationskraft deutscher Ingenieure an der Weltspitze liegt.

Fintechs wirbeln die Finanzbranche durcheinander, innovative Start-Ups die Automobilbranche. Haben Sie Sorge, dass kleine agile Unternehmen oder vielleicht die großen IT-Player aus dem Silicon Valley wie Amazon, Apple und Google die Regeln auch in der Industrie-Branche ändern?

Technologie bzw. technische Möglichkeiten sind das eine, Akzeptanz ist das andere. Ohne Akzeptanz kann niemand erfolgreich ein Produkt auf den Markt bringen. Im produzierenden Gewerbe haben wir es mit eher konservativen Firmen zu tun. Trotz der heutigen Möglichkeiten der sicheren Datenübertragung kommt es aus Angst vor Datendiebstahl bzw. -manipulation immer noch vor, dass digitale Bauteildaten per USB-Stick und Eilkurier zum Auftragsfertiger übertragen werden.

Ein anderes Feedback unserer Kunden lautet: „Unsere Daten gehen maximal bis zum Werkszaun.“ In einem solchen Umfeld lassen sich nur sehr schwer Cloud-Lösungen realisieren. Es zeichnet sich eine Tendenz ab, weg von „alle Maschinendaten in der Cloud verarbeiten“, hin zu intelligenten Maschinen, die untereinander lediglich die erforderlichen Daten austauschen. Das Ziel sind robuste sowie effiziente Lösungen.

Ist das Thema Industrie 4.0 in der Breite gerade bei kleinen und mittelständischen produzierenden Unternehmen angekommen? Werden die Themen angegangen?

Manche beobachten und warten erstmal ab, andere haben bereits Maßnahmen in der Umsetzung, wiederum andere machen sich nicht die Mühe und verlagern die Produktion von Low-Profit-Produkten von Deutschland in Länder mit geringeren Lohn- und Energiekosten.
Wir beobachten, dass viele mittelständische Firmen ganz konkrete Lösungen erwarten, welche in dieser Art und Weise bisher am Markt nicht verfügbar sind.

Was wären Ihre Empfehlungen an die Unternehmensleitung von diesen Unternehmen – was sind mögliche Schritte auf dem Weg zur smarten Fabrik?

An erster Stelle steht die Standortbestimmung. Ein Unternehmen muss sich bewusst machen, wo es aktuell steht, bspw. welche Technologien im Einsatz sind oder wie die Prozesse in der Praxis tatsächlich ablaufen. Außerdem muss man sich mit Begrifflichkeiten wie „Smart Factory“ im Detail auseinandersetzen: Welche Technologien, welche Arbeitsweisen stecken konkret dahinter? Mit diesem Ist-Soll-Abgleich sowie unter Berücksichtigung der eigenen Randbedingungen können Unternehmen ganz konkrete und vor allem greifbare Ziele ableiten.

Hierbei unterstützen wir Unternehmen bspw. mit dem „Smart Industry Readiness Index“ (SIRI). Gemeinsam erarbeiten wir, wo das Unternehmen steht und wie der Entwicklungsstand auf verschiedenen Themengebieten ist. Durch die Visualisierung des Ergebnisses kann man leicht erkennen, wo noch Nachholbedarf besteht. Mit unseren Fachexperten kann das Unternehmen dann die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten herstellerunabhängig diskutieren.

Ist das Land der Dichter und Denker gut gerüstet für den Weg in die digitale Welt? Müssen wir uns verändern und reicht es, einfach so weitermachen wie in der Vergangenheit?

Ja und nein gleichzeitig. Ja, weil wir in Deutschland sehr viele sehr gute Fachleute und führende Unternehmen haben. Nein, weil gerade der Erfolg dazu verleitet, sich keine Gedanken über Weiterentwicklungen zu machen. Aber die Geschichte zeigt immer wieder, dass ein „Weitermachen wie immer“ nicht auf Dauer erfolgreich ist. An Industrie 4.0 führt kein Weg vorbei – und dafür brauchen wir eine flächendeckend verfügbare und höchst leistungsfähige digitale Infrastruktur.

Was ist Ihre Motivation für Ihr Engagement bei der SmartFactory-KL und welchen Mehrwert ziehen Sie aus der Partnerschaft?

Wir entwickeln dort die bestehenden Maschinensicherheitskonzepte fort und erarbeiten Industrie-4.0-taugliche Safety-Lösungen. Der Vorteil ist, dass wir in der SmartFactory-KLL mit führenden Safety-Industriepartnern diskutieren und damit auf breiter Basis sowie unter Berücksichtigung verschiedener Blickrichtungen nicht nur zukunftsfähige, sondern auch praxistaugliche Konzepte und Lösungen erarbeiten können.

Welche Dienstleistungen und Erfahrungen bringt TÜV SÜD in der Musteranlage der SmartFactory-KL mit ein und welcher Nutzen wird dadurch generiert?

Wir bringen unsere Erfahrungen aus dem Bereich der Maschinensicherheit aus der Praxis, aber auch unser Fachwissen über die einschlägigen Normen ein. Damit schaffen wir das nötige Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Sicherheit von technischen Innovationen, die eine wichtige Voraussetzung für den Fortschritt sind.

Datenschutz und -sicherheit sind gerade in Deutschland sehr wichtig. Wie sehen Sie das Thema in Bezug auf das Vertrauen der Unternehmen, Ihre Daten in die Cloud zu packen und wie unterstützen Sie Unternehmen hier?

Das Thema Security und Datensicherheit ist ein zentrales Thema in der vernetzten Industrie und in Industrie-4.0-Anlagen und bildet die Basis für die Akzeptanz von Industrie 4.0. Die damit verbundenen Entwicklungen auf den verschiedensten Ebenen erstrecken sich über einen relativ langen Zeitraum. TÜV SÜD ist auf diesen Themenfeldern aktiv und hat sich durch strategische Zukäufe wie bspw. von Uniscon, einem Spezialisten für hochsichere Cloud-Lösungen, entsprechend positioniert.

Neben Prüf- und Zertifizierungsdienstleistungen ist TÜV SÜD auch sehr aktiv im Bereich Beratung und Schulung. Wie sehen Sie das Thema Bildung? Welche Kompetenzen werden in der smarten Fabrik von morgen benötigt und was bieten Sie Unternehmen konkret an?

Das Thema Bildung bzw. Fortbildung hat bei TÜV SÜD einen sehr hohen Stellenwert. Nachdem wir keine Produkte herstellen, die verkauft werden könnten, sondern Dienstleistungen anbieten, die auf dem Fachwissen der Mitarbeiter beruhen, ist ein ausgeprägtes sowie aktuelles Fachwissen für uns sehr wichtig. Wir arbeiten bspw. in unserem Smart Manufacturing Council mit Kollegen aus der ganzen Welt an ganz konkreten flexiblen Safety-Lösungen, die für die Umsetzung von Industrie 4.0 erforderlich werden. Aus dieser Entwicklungsarbeit leiten wir die Inhalte für kundenspezifische Trainings ab.

Wenn Sie Bildungsminister wären – was wären Ihre Maßnahme, um die Menschen für die Welt der Industrie 4.0 fit zu machen?

Ziel von Industrie 4.0 ist nicht die menschenleere Fabrikhalle. Ziel von Industrie 4.0 ist die Steigerung von Flexibilität und Effizienz der Produktion. Die Maßnahmen zur Umsetzung von Industrie 4.0 können für die einzelnen Mitarbeiter ganz unterschiedliche Veränderungen bedeuten. Ein Bildungsminister sollte die Qualifizierung von Arbeitnehmern im digitalisierten Umfeld auf allen Ebenen – Erwachsenenbildung sowie Schule und Hochschule – entsprechend vorbereiten und angesichts der hohen Veränderungsdynamik in diesem Bereich vor allem die Flexibilität von Arbeitnehmern mit geeigneten Maßnahmen fördern.

Interoperabilität und Flexibilität sind in der Fabrik von morgen elementar wichtige Themen. Wo stehen wir hier aus Ihrer Sicht heute in Bezug auf Standards, Schnittstellen und Technologien und wie kann TÜV SÜD hier unterstützen?

TÜV SÜD ist in beiden Themen sowohl in Forschungskooperationen als auch in der Standardisierung von Beginn an aktiv. Interoperabilität und Flexibilität sind das Fundament für eine vernetzte Industrie. Leider gibt es immer noch keine ganzheitlichen und durchgängigen Standards und die entsprechenden Implementierungen. Aber ohne diese Standards sind modulare Fertigungsanlagen im Rahmen von Industrie 4.0 für die Realisierung von „Mass Customization“ nicht umsetzbar. Durch unsere Aktivitäten arbeiten wir daran, möglichst zeitnah Antworten auf die korrespondierenden Fragen zu liefern.

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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.