Generation Z, Industrie 4.0 und Ingenieure – Lisa Unkelhäußer (IBM) im Interview.

[Blogtitel] Generation Z, Industrie 4.0 und Ingenieure - Lisa Unkelhäußer (IBM) im Interview. [Beschreibung] Im Interview berichtet Lisa Unkelhäußer, Generation Z, von Ihren Erfahrungen mit Industrie 4.0 und Ingenieuren im Mittelstand. [Bildquelle] IBM [Bildbeschreibung] Das Bild zeigt Lisa Unkelhäußer, Security Sales Specialist bei IBM Deutschland.
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In dem Interview berichtet Lisa Unkelhäußer, Security Sales Specialist bei IBM Deutschland und Generation Z, von Ihren Erfahrungen mit Industrie 4.0 und Ingenieuren im Mittelstand.

Wie siehst Du die digitale Entwicklung in Deutschland? Sind wir auf dem richtigen Weg? Was läuft gut, wo haben wir Verbesserungspotential?

Bitte lass mich mit dem Positiven beginnen. Ich mache den Job bei IBM nun fast seit sieben Jahren und seit vier  Jahren arbeite ich intensiv mit mittelständischen Industrieunternehmen zusammen. Hier beobachte ich, dass sich sehr viel tut. So werden beispielsweise Initiativen und Kernteams gegründet. Ich finde es bemerkenswert, dass Unternehmen StartUps ausgründen oder sich daran beteiligen, dass Digitalschmieden entstehen oder auch eine Position des Chief Digital Officers (CDO) geschaffen wird. Allerdings kann ich an dieser Stelle nicht bewerten, was aus diesen Initiativen wirklich geworden ist bzw. wie erfolgreich sie waren. Aber die Botschaft ist auf breiter Front angekommen und viele haben es verstanden. Im Bereich Industrie haben wir mit dem Label Industrie 4.0 etwas einmaliges geschaffen – es ist bemerkenswert, dass Industrie auch außerhalb von Deutschland mit „ie“ und nicht mit „y“ am Ende geschrieben wird.

Das führt mich allerdings direkt zu den negativen Eindrücken. Unserem Land und der Wirtschaft bzw. den meisten Unternehmen geht es gut. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind gefüllt und die Wirtschaft brummt. Das Label „Made in Germany“ ist immer noch wertig und wir verfügen über viele Weltmarktführer. Aber gerade der Erfolg ist so gefährlich. Er macht mitunter die Unternehmen träge, lethargisch, ja manchmal auch ein wenig arrogant. Nicht selten höre ich, dass wir doch die letzten 50 Jahre erfolgreich waren. Das wird sich auch zukünftig nicht ändern, auch nicht mit der Digitalisierung. Daran sieht man, dass Digitalisierung oftmals nicht vollumfänglich bzw. als reines IT-Thema verstanden wird.

Wie nimmst Du die Rolle der Ingenieure wahr? Müssen wir Dinge ändern?

Ingenieure sind Künstler mit einer hohen technischen Begabung. Im Land der Dichter & Denker spielen die mehr als 1 Mio. Ingenieure in unserem Land eine wichtige Rolle. Viele Innovationen sind in den letzten Jahrzehnten durch sie entstanden – sie sind unverzichtbar. Allerdings ändern sich gerade die Rahmenbedingungen fundamental und die Welt dreht sich immer schneller. Die Zeitintervalle, in der Produkte zum Markt gebracht werden, verkürzen sich immer mehr. Gerade an dieser Stelle wünsche ich mir einen Perspektivenwechsel. Unsere Ingenieure sind einfach zu perfektionistisch. 80% Produktfertigstellung reichen nicht aus, manchmal nicht einmal 100%, dann sind es eher 120%. Hier ticken die Amerikaner gänzlich anders. Sie sind viel enger mit dem Kunden im permanenten Dialog. Die Amerikaner nehmen nicht erst große Mengen Geld in die Hand und perfektionieren ein Produkt, um dann eventuell festzustellen, dass es nicht den Erwartungen des Kunden entspricht.

Vielmehr gehen Sie mit einem Prototypen an den Markt, tauschen sich mit dem Kunden aus, verstehen ihn und seine Anforderungen und optimieren dann das Produkt schrittweise. Dieses Vorgehen ist einem deutschen Ingenieur gänzlich fremd. In diesem Zusammenhang gibt es viele neue agile Arbeitsmethoden, wie Design Thinking oder Scrum, mit denen Ingenieure oftmals noch fremdeln. Hier würde ich mir oftmals mehr Mut wünschen. Auf der anderen Seite ist die Sicherheit von „smarten Gütern“ natürlich eklatant wichtig und darf auch unter einem 80% Ansatz nicht leiden! Allgemein sollten Ingenieure ein wenig mehr Marketing- und Vertriebsgene in ihre DNA aufnehmen. Zunehmend halte ich es für sehr wichtig, dass wir noch stärker fachbereichsübergreifend zusammenarbeiten. Am Ende des Tages sind der ITler, der Ingenieur, der BWLer und der Vertriebler alles Künstler und jeder denkt, dass er die wichtigste Funktion im Unternehmen darstellt. Die Kunst ist, dass all diese Rollen miteinander kommunizieren und ein gemeinsames Grundverständnis für den Gegenüber entwickeln.

Wie war Deine erste Begegnung mit den Ingenieuren?

Da mag ist nicht lange um den heißen Brei herumreden – es war ein Kampf. Ich denke, da kamen so einige Klischees zusammen – Frau, jung und keine Ahnung von Technik. Das war nicht leicht, aber es hat geklappt. Ich habe zu Beginn keinen Flyer, keine Broschüre und keine Messe des VDMA, ZVEI & Bitkom ausgelassen. Ich habe all diese Informationen aufgesogen. Mit der Zeit haben dann die Menschen gemerkt, dass da schon Wissen vorhanden ist. Außerdem hatte ich nicht die Attitüde, es besser zu wissen. So habe ich mich auf den Weg gemacht und versucht, zu vermitteln und die Welten zusammen zu bringen. Technisch tief konnte und werde ich auch nie mit einem Ingenieur diskutieren. Aber das ist auch nicht mein Anspruch. Stück-für-Stück habe ich sie verstanden, das war sehr wertvoll.

Ich bin allgemein sehr unbefangen an das Thema herangegangen, habe oftmals moderiert, viele Fragen gestellt und auch Ideen entwickelt. Oftmals führte das zu Lachern, weil meine Idee vielleicht verrückt oder nicht praktikabel war. Aber ich glaube, auch das war ein Lernprozess für die Ingenieure. Einfach mal über den Tellerrand schauen, wild, verrückte und kreative Ideen spinnen ohne diese gleich im Keim mit „Ach das kann ja nichts werden“ oder „Das haben wir doch schon immer so gemacht“ zu ersticken. Genau dieses Querdenken fällt vielen Ingenieuren häufig schwer. Und wie schon gesagt finde ich es immer wichtig, funktionsübergreifend zu denken und den gegenüber zu verstehen. Das hat ein wenig was mit Respekt und Neugierde, aber auch einer Portion Demut und Selbstdistanzierung zu tun.

Wenn Du Bildungsministerin wärest, was wären Deine Maßnahmen auf dem Weg in die digitale Welt?

Manchmal habe ich Erlebnisse, wo ich denke, ich bin mit der Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist. Mein kleiner Bruder kommt manchmal mit Dokumenten aus der Schule, die der Lehrer noch mit der Schreibmaschine geschrieben hat. Sicherlich ist das eher die Ausnahme als die Regel, aber es zeigt mir wieder, wie groß der Nachholbedarf bei den Lehrern ist. Ich verstehe sehr gut, dass viele von Ihnen nicht nativ mit digitalen Medien groß geworden sind. Ich verstehe auch gut, dass es schwer ist, neben dem normalen Job sich vielleicht neue Themen und Kompetenzen anzueignen, ohne dass die Lehrer vielleicht freigestellt oder besser entlohnt werden. Hier sehe ich ein großes Problem im System. Ein weiteres Problem sehe ich im Lehrplan.

Häufig wird noch Wissen vermittelt, dass heute kaum mehr Relevanz hat. Dagegen wird das Lehren von neuen, wichtigen Kompetenzen arg vernachlässigt. IT – das muss einfach ein Pflichtfach werden, von Beginn an. Dabei rede ich nicht davon, dass nun jedes Kind coden lernen muss. Es geht mir vielmehr um ein solides Grundverständnis der IT und deren Zusammenhänge. Auch ist es wichtig, wie die Kinder mit den Systemen umgehen, Informationen recherchieren, analysieren und methodisch Wissen generieren. Aber auch hier gilt, dass es eben nicht reicht, WLAN und ein Notebook bereitzustellen. Vielmehr ist es wichtig, dass sich die Lehrer für den Wandel fit machen und lernen, mit neuen Medien und Methoden die Inhalte zu vermitteln.

Ein letztes Anliegen wäre für mich, dass wir Wirtschaft und Schule viel enger verzahnen. Für die Schüler finde ich es sehr wichtig, dass sie frühzeitig lernen und verstehen, wie die Wirtschaft funktioniert und sie ein klares Bild über Ihrer zukünftige Arbeite bekommen. Aber auch in die umgekehrte Richtung könnte es spannend sein. Die Schüler haben die Digitalisierung praktisch in Ihrer DNA verankert und man sollte ihnen gut zuhören, denn sie sind die Käufer, Wähler und Entscheider von morgen. Das duale Studium ist für mich das absolute Erfolgsmodell. Der Ansatz hat echtes Potential, einfach weitergedacht zu werden.

Digitalisierung und die Bereitschaft zum Wandel ist keine Altersfrage. Was rätst Du Menschen, die sich um die Zukunft sorgen? Wie sollen sie das Thema Digitalisierung angehen und sich auf die Zukunft vorbereiten sollen?

Zunächst kann ich die Sorgen der Menschen sehr gut verstehen und auch nachvollziehen. Wenn ich mit meinen Kunden im Dialog bin, dann höre ich schon öfters, dass sie sich Gedanken machen, in welche Richtung beispielweise Künstliche Intelligenz und Assistenzsysteme gehen. Viele Zeitungen & Magazine schüren hier auch mehr Ängste, als sachlich zu informieren. Ich finde es sehr wichtig, dass wir viel miteinander reden, erklären und aufklären. Ich sehe mich hier auch als Vermittler um Aufklärungsarbeit zu leisten. Der Einzelne kann den Wandel und die Themen, die da auf uns zukommen, gut finden, oder auch nicht.

Fakt ist aber, dass die Themen kommen werden. Daher finde ich es wichtig, dass wir diesen Wandel annehmen, ihn verstehen. Jeder sollte dazu eine Portion Neugier und Wissensdurst mitbringen. Viele Berufe werden sich verändern, viele werden wegfallen. Aber es werden ebenso viele neue Berufe entstehen. Jeder muss sich nun ernsthaft fragen, was aus seinem Job wird, wie sich dieser verändern wird oder ob es ihn auch weiterhin geben wird. Egal in welche Richtung die Veränderung geht – meine Empfehlung ist hier aber auch, fortlaufend und damit lebenslang zu lernen. Viele von uns haben das einfach verlernt.

Was sind als Generation Z Deine Anforderungen an den idealen Arbeitgeber?

Glücklicherweise arbeite ich mit IBM bei einem Unternehmen, dass meine Anforderungen sehr gut erfüllt. Ich glaube, dass viele junge Menschen aus der Generation Z einfach Flexibilität erwarten. Ich habe beispielsweise noch niemals in meinem Leben gestempelt. So habe ich auch noch nie einen festen Arbeitsplatz gehabt. Das hört sich für viele Unternehmen heute noch sehr fremd an. Was die Arbeit angeht so kann ich sagen, dass kein Tag dem Anderen gleicht und ich immer Abwechslung habe. Es wäre kaum vorstellbar, jeden Tag das gleiche tun zu müssen. Neben der zeitlichen spielt aber auch die örtliche Flexibilität eine große Rolle.

Die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen immer mehr. Ich habe kein Problem damit, wenn ich abends nochmal kurz eine E-Mail schreibe oder an einer Telefonkonferenz mit einem amerikanischen Kollegen teilnehme. Im Gegenzug genieße ich es aber auch, wenn ich mal am frühen Nachmittag Feierabend mache um am Geburtstag meines Patenkindes teilzunehmen. Wo und wann ich arbeite, kann ich mir oftmals eigenständig einteilen. In Bezug auf meine Entwicklung benötige ich weniger Förderprogramme. Vielmehr benötige ich Rahmenbedingungen, die Berufs- und Privatleben flexibel unter einen Hut bekommen. Aber auch im Mittelstand sehe ich bei den Unternehmen, dass hier einiges in Bewegung ist, Programme aufgesetzt werden und Unternehmen beispielsweise auch so etwas wie ein Sabbatical anbieten.

Im Job ist es mir wichtig, mitreden zu können. Ich lege großen Wert darauf, mich einzubringen, Feedback zu geben und vor allem, dass dieses auch ankommt. Das möchte ich heute tun – und nicht erst in zwanzig Jahren, wenn ich ein Stück in der Unternehmenshierarchie geklettert bin. Aber auch wenn ich mich im Unternehmen weiterentwickeln und vielleicht einen anderen Job ausführen möchte, dann benötige die entsprechenden Möglichkeiten. Viele Menschen aus der Generation Z haben aufgrund der aktuell guten wirtschaftlichen Situation die Möglichkeit, beruflich zu wechseln und vielleicht bei anderen Unternehmen mehr Geld zu verdienen. Aus Unternehmenssicht sehe ich das ein wenig kritisch, denn die Bindung und Loyalität an das Unternehmen ist seitens der Generation Z nicht allzu hoch.

Wie sieht Dein Wunschbild der digitalen Welt im Jahr 2025 aus? Was hat sich bis dahin verändert, wo stehen wir dann?

Unser tägliches Leben wird sich weiter beschleunigen. Ich würde mir wünschen, dass ein wenig vom digitalen Spirit aus China uns auch in Deutschland erfasst. Wenn ich schaue, wie groß die Akzeptanz beispielsweise mit WeChat beim bargeldlosen Zahlen ist, dann haben wir in Deutschland noch kräftig Luft nach oben. Ich möchte keine Schlüssel mehr mit mir herumtragen, die Türen mit dem Fingerabdruck öffnen und mit dem Auto möchte ich vollständig autonom unterwegs sein. Ich würde mich freuen, wenn wir die Marke „Made in Germany“ mit neuem Leben befüllen. Vielleicht schaffen wir es, ein „Amazon für die Industrie“ auf die Beine zu stellen.

Gerade im B2B-Bereich sind wir stark und weltweit vorne unterwegs. Das Thema Datenschutz und Datensicherheit ist sicherlich eine Stärke, die wir vielmehr spielen sollten. Aber im Gegenzug müssen wir mit Blick auf KI auf mehr Daten sammeln und bereitstellen. Unter dem Strich wird es wichtig sein, dass wir Generationen verbinden – jung wie alt. Das geht aber nur, wenn wir alle zusammen an einem Strick ziehen – Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und die Bürger. Ein wenig mehr Mut und mehr machen – das wünsche ich mir für die Zukunft. Und wenn wir es dann noch schaffen, unsere Erfolge ein wenig besser zu vermarkten, dann mache ich mir um die Zukunft nicht so viele Sorgen.

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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung.Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur.Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur.Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert.Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.