Warum Digitalisierung die Tore der Smartfactory verlassen muss

In dem nachfolgenden Gastartikel beschreibt Michael Finkler, Geschäftsführer proALPHA, die Wichtigkeit der Digitalisierung über die Unternehmensgrenzen der Smartfactory hinweg.

Wer die Potenziale der Digitalisierung nur innerhalb seiner eigenen Fabrik sucht, wird nicht alles finden. Denn die wahren Potenziale liegen außerhalb. Alle internen Arbeitsschritte und Abläufe zu automatisieren, reicht folglich noch nicht aus. Für eine erfolgreiche Digitalisierung müssen Unternehmen die direkte Interaktion mit dem Markt suchen. Ein Beispiel ist der „eGo Life“, ein in Serie gebautes Elektroauto, das seit 2019 in Aachen produziert wird. Das Besondere daran: Es nutzt die Blockchain. Eine digitale Fahrzeugakte enthält alle Prozess- und Produktdaten von Zulieferern, Werkstattdaten und Nutzungsdaten. Ebenso werden Besuche bei Service-Partnern und Ähnliches digital festgehalten und effizient zur Verfügung gestellt. Davon profitieren die Konsumenten ebenso wie die Hersteller und Service-Partner. Dieses Paradebeispiel ist allerdings leider eher die Ausnahme als die Regel.

Der Kunde im Mittelpunkt – via Plattform

Jene Unternehmen, die als erfolgreiche Vorreiter der Digitalisierung gelten, haben eines gemeinsam: Sie alle bieten digitale Geschäftsmodelle mit digitalen Produkten und das in den meisten Fällen auf digitalen Plattformen. Sie nutzen digitale Business-Ökosysteme und sind voll und ganz auf den Kunden ausgerichtet. Derartige digitale Geschäftsmodelle sind in der Industrie allerdings noch nicht Standard. Der Maschinen- und Anlagenbau hinkt hier ebenso hinterher wie die Automotive-Branche. Wesentlich besser aufgestellt sind der Großhandel sowie die Branche Elektronik und Hightech. Die wahrlich erfolgreichen Geschäftsmodelle sind allerdings in ganz anderen Branchen zu finden. Dort, wo die Akteure es besser verstehen, sich den exklusiven Zugang über verschiedene digitale Kanäle zum Kunden zu sichern. Die wertschöpfende Plattform bildet dabei die Brücke zwischen Kunde und Anbieter. Sie ermöglicht – als Folge der strategischen Feedback-Kommunikation – ein Angebot an kundenspezifischen Produkt- und Serviceanpassungen, die markttauglich sind. Diese datengetriebenen Plattform-Ökosysteme wickeln Geld-, Leistungs- und Datenströme ab. Da sie den direkten Kontakt zum Kunden haben, entwickeln sie eine enorme Bedeutung, die kaum zu überschätzen ist.

Mit gutem Beispiel voran – Plattformen von Festo und Homag

Festo betreibt ein Plattform-Business für neue digitale Geschäftsmodelle und bietet über ihr Kerngeschäft noch weiteren Mehrwert für ihre Kunden: als Datenlieferant durch „offene“ Produkte mit Basiskommunikation und Sensorik. Sie stellen vorverarbeitete Daten als IoT-Enabler bereit und bieten als Digital-Service-Provider ihren Kunden direkt vollwertige Dienste über die Plattform. Die Abrechnung und Vermittlung digitaler Services bilden die Grundlage ihres Geschäftsmodells. Homag ist ein weiteres gutes Beispiel: Dieses Unternehmen ist in der Holzindustrie tätig und integriert die Leistungen seiner Technologie- und Business-Partner auf seiner digitalen Plattform „tapio“. Die Kundenkommunikation, die Integration digitaler Produkte und Apps sowie digitale Services und Marketing – alles läuft über diese Plattform. B2B-Plattformen als technologiebasierte Geschäftsmodelle, wie in diesen Beispielen, schaffen durch Interaktion und Austausch Mehrwerte und orchestrieren Ökosysteme zum Vorteil der Kunden.

Pflichtaufgabe – der Aufbau der Smart Factory

Wie sollten die nächsten Schritte von Industrieunternehmen nun aussehen? Die Smart Factory mit optimierten digitalisierten Wertschöpfungsketten bildet die Basis für den Erfolg einer Plattform. Der „digitale Zwilling“, also ein digitales Abbild aller relevanten Daten des Unternehmens, ist notwendig für eine echtzeitfähige Auswertungsbasis. Integriert werden diese Daten durch ein hochleistungsfähiges ERP-System. Die Voraussetzung für eine erfolgreiche weitere Digitalisierung ist damit eine horizontal und vertikal vernetzte Smart Factory.

Schneller, weiter, höher – die Vorteile der Smart Factory

Wer seine Daten intensiv nutzt, wird nicht nur schneller, sondern auch agiler. In traditionellen Unternehmen entstehen oft Zeit- und damit Wertverluste durch Verzögerungen in jeder einzelnen Phase, die sich an ein Ereignis anschließt: bei Erzeugung von Daten, Analyse der Daten, Einleitung von Maßnahmen sowie dem Eintreffen von deren Wirksamkeit. In datengetriebenen Unternehmen sieht das anders aus: Die Treiber für Zeiteinsparungen und folglich Werterhöhungen lassen sich in jeder dieser Phasen benennen und einsetzen. Mithilfe von System-Integration und Real-Time-Optionen lassen sich Datenlatenzen beinahe gänzlich vermeiden. Maschinelles Lernen, künstliche Intelligenz und Big Data-Analysen helfen dabei, Zeit bei der Problemanalyse zu sparen. Entscheidungsverzögerungen werden durch automatisierte Entscheidungssysteme eingedämmt.

Smart, digital und neu – wie Disruption erfolgreich wird

„Welche neuen Geschäftsmodelle kann ich meinen Kunden überhaupt anbieten?“ Unternehmen müssen eine Antwort auf diese Frage finden, um digitale Services, Produkte und Plattformen in einem neuen Geschäftsmodell zusammenzubringen. Dafür braucht es neben Daten aus der Smart Factory auch Daten aus der Digitalisierung des Produkt- und Service-Angebots. Wichtig zu klären sind auch die Fragen: Will ich selbst Plattformanbieter werden oder eine oder mehrere Plattformen bedienen? Sind meine Produkte und Services plattformkompatibel und falls nicht, wie werden sie es? Erst dann kann die Digitalisierung die Fabriktore verlassen.

Auf dem Rücken des ERP-Systems zum Plattform-Business

Verfügbare Daten sind die Basis für alle datengetriebenen Geschäftsmodelle. Intelligente ERP-Systeme unterstützen dabei, eine Grundlage zu schaffen, indem sie Daten in der Smart Factory aus KI-gesteuerten Entitäten zusammenführen. Die Systeme wachsen und verlangen daher kontinuierliche Optimierungen. Dabei integrieren sie Daten aus verschiedenen Quellen: aus selbstoptimierenden, selbststeuernden Prozessen und digitalen Assistenten, aus Robot Process Automation (RPA) und umfangreichen KI-gestützten Business Analytics sowie aus intelligenten N-to-N-Prozessen. So können sie Machine Learning und Deep Learning sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens einsetzen. Außerdem integrieren sie neue Technologien – aus Virtual Reality, Process Mining oder via Blockchain.

Disruptor oder Disruptierter – das ist hier die Frage

Industrieunternehmen haben wenig Zeit für weiteren Aufschub, wenn es um Plattformen und neue digitale Geschäftsmodelle geht. Denn Disruption funktioniert in jeder Branche und auch mit jedem Budget. Es braucht allerdings die richtige Kultur. Eine stabilisierende Balance zwischen Veränderung und Vertrautem zu schaffen, bringt die höchsten Erfolgschancen. Unternehmen müssen ihre bestehenden Produkte und Services auf ihre zukünftige Berechtigung hinterfragen. Außerdem müssen sie sich auf eine Frage konzentrieren: Was ist das wirkliche Problem meines Kunden?

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Michael Finkler, Geschäftsführer proALPHA, beschreibt in seinem Gastartikel die Wichtigkeit der Digitalisierung über die Unternehmensgrenzen der Smartfactory hinweg.
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//Analyst//Blogger//Keynote Speaker// zu den Fokusthemen #Industrie40, #IoT und #Digitalisierung. Herzlich willkommen auf meinem Ingenieurversteher-Blog. Hier schreibt ein echter, aber nicht ein typischer Ingenieur. Nach einer soliden Ausbildung bei Siemens zum Feinmechaniker habe ich das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Der Schwerpunkt Informatik im Hauptstudium war wohl der ausschlaggebende Grund, dass es mich in die Software-Industrie gezogen hat wo ich heute noch immer aktiv unterwegs bin. Für die Funktionen Vertrieb, Marketing und Produktmanagement habe ich mich meine Leidenschaft entdeckt – sicherlich nicht immer typisch für einen Ingenieur. Im Rahmen meiner Diplomarbeit haben mich Themen wie „Computer Integrated Manufacturing (CIM)“ beschäftigt. Viele Aspekte sind davon heute umgesetzt. Mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft allgemein sowie dem Einzug des Internets in die Produktion stehen wir vor großen Herausforderungen, die uns langfristig intensiv beschäftigen werden. Der klassische Ingenieur wird nun mit völlig neuen Themengebieten konfrontiert. Das war u.a. die Motivation für diesen Blog, die Themenbereiche Industrie 4.0 und Digitalisierung aufzugreifen und regelmäßig darüber zu schreiben – leicht verständlich und nicht technisch tief. Gerade aus diesem Zusammenhang hat sich die Marke „Ingenieurversteher“ entwickelt. Ingenieure sind in der Regel Künstler mit einem sehr tiefen technischen Verständnis. Oft sind sie allerdings nicht in der Lage, technisch komplexe Zusammenhänge leicht verständlich einer Zielgruppe zu vermitteln, die nicht über dieses tiefe technische Wissen verfügt. Um Ideen und Innovationen zu vermarkten, müssen diese in eine leicht verständliche Sprache übersetzt werden. Mit einer Vorliebe für analytisches und strukturiertes Recherchieren , der Leidenschaft für das Schreiben und der Freude am Präsentieren ist die Idee vom „Ingenieurversteher“ entstanden.